Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

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Luce
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Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#1

Beitrag von Luce » Di 25. Jul 2017, 10:34

Guten Morgen,

heute Nacht sind mir ganz viele Gedanken zur Entstehung "meines Glaubens" gekommen, wohl ausgelöst dadurch, dass die meisten Heiden sich als ebensolche losgelöst vom Christentum beschreiben. Ich hoffe der Thread hier ist okay dafür...

Zunächst einmal leben wir (zumindest im Westen Deutschlands) in einer christlich geprägten Welt. Man kommt also nicht wirklich am Christentum vorbei, es sei denn, man distanziert sich bewusst.
Ich für mich habe diese Notwendigkeit nie gesehen - und das möchte ich erklären:

Als kleines Kind bin ich "katholisch" erzogen worden. Das hieß in meinem speziellen Fall: Mit mir wurde gebetet und Gott (der für mich männliche Gott) wurde mir als Unterstützer zur Seite gestellt (wenn es nachts dunkel ist, wenn ich alleine bin...). Das empfand ich als Kind durchweg positiv. Meine Oma, die ich als sehr gläubig empfunden habe, war für mich ein Vorbild. Ich wollte auch so fest in meinem Glauben sein, wie sie.
Nun muss man sagen, dass sowohl meine Oma (Heirat mit einem evangelischen Mann) als auch mein Vater (der in einem katholischen Jungeninternat war), zwar mit mir beteten, aber sich schon sehr früh von der Katholischen Kirche als Instanz distanziert hatten (auch wenn meine Oma den Gottesdienst besuchte) - somit möchte ich fast meinen, ich bin mit den positiven Aspekten des Glaubens groß geworden.
Bei diesem (männlichen) Gottesbild ist es in mir über die Jahre geblieben. Gott blieb jemand den ich ansprechen konnte, der ein "Kumpel" war, ganz unkatholisch. Lange habe ich (als Mädchen und Papatochter) dieses männliche Gottesbild sehr gebraucht. Es war die Energie, die mich stützte.

Während des Studiums habe ich mich näher mit dem antiken Griechenland beschäftigt und deren heilige Stätten besucht. Ich war fasziniert von der starken Göttinnen "Hera", Nike und Diana und deren Energie (Maria als "Göttinnnenaspekt" hatte ich bis dahin ignoriert, die war mir irgendwie zu hilflos). Schon damals zeigte sich mir aber, dass die "Zeus"- Energie und die Energie "meines Gottes" für mich ähnlich war. Zeus empfand ich als etwas wütender, aber eigentlich war es für mich der gleiche "Mann".

Auch mit der germanischen Kultur habe ich mich durch geschichtliche Studien beschäftigt - und bin dabei, natürlich, auch auf die "auslöschende Katholische Kirche" gestoßen, die Vereinnahmung des Glaubens zum Aufbau einer Machtsstruktur.
Allerdings würde ich letzteres von dem Glauben als solchen trennen. Sprich: ich kann mich von der Instanz der katholischen Kirche lossagen, ohne dass darin enthaltene Göttliche abzulehnen.
Denn das Göttliche ansich ist für mich religionsübergreifend. (Für mich kommt auch der Aether, die All-Energie dem Bild des Heiligen Geistes sehr gleich).
NARÜRLICH ist es so, dass die katholische Kirche viele germanische /heidnische /... Glaubenssymbole und -Einreichtungen zerstörte. Irgendwie stellte sich mir heute Nacht aber die Frage, ob sie das überhaupt wirklich geschafft hat oder ob der Mensch die göttliche Energie einfach immer anders interpretiert und dementsprechend (nach seiner Facette) auslebt.

Dann irgendwann als ich Hekate "fand", konnte ich in deren dreigeteilten Aspekt, durchaus die Energie der Jungfrau Maria sehen. Ebenso wie Diana. Ebenso wie Freya. Aber ich sehe z.B. gefühlt auch Nike in ihr.
Kurzum: Ich frage mich, ob Heidentum wirklich u.a. "Nicht-Christentum" bedeutet oder ob es nur eine Distanzierung zur Katholischen Machtpolitik ist - also dem weltlichen Teil.
Zudem habe ich das Gefühl, dass wenn man von allen Religionen die Machtstruktur der Menschen abzieht, eine göttliche Uressenz bleibt, die immer wieder durch die gleichen Prototypen symbolisiert wird.
Und irgendwie bastelt sich doch auch trotz "Obergruppierungen" und deren Namen jeder sein eigenes "Bild" und seinen eigenen Glauben...oder?

So. Ich hoffe, ich habe die Gedanken in meinem Kopf verständlich rübergebracht - und bin auf eure dazu gespannt.

LG Luce :liebegrüße:
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Peregrin
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#2

Beitrag von Peregrin » Di 25. Jul 2017, 11:09

Hallo Luce,
Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 08:41
Sprich: ich kann mich von der Instanz der katholischen Kirche lossagen, ohne dass darin enthaltene Göttliche abzulehnen.
Ich glaube, du sprichst in deinem Posting hauptsächlich vom "Gottesbild", von einem klitzekleinen Teil der Mythologie. Meine Frage wäre da: Kann man diesen kleinen Teil der Mythologie vom christlichen Glauben als solchen trennen?

Die christlichen Kirchen verneinen das definitiv. Viele ekletische Heiden sagen: "Natürlich kann man das! Ich kann mir den netten, liebenvollen Gott bei den Christen nehmen, dem einer Göttin aus einem heidnischen Pantheon zur Seite stellen, das Wiedergeburtskonzept aus dem Hinduismus dazu packen, den Animusmus einer Stammesethnie und das Weltuntergangsszenario bei den Germanen und das dann zu meinen persönlichen Glauben zusammenfassen."

Ich habe da so meine Zweifel, dass das tatsächlich geht, wenn man sich mit all den Religionen, aus denen man diese Versatzstücke genommen hat, ernsthaft auseinandersetzt.

Zum einen ist der christliche Gott, den man Kindern näherbringt, ein ganz anderer Gott, als die Erwachsenenversion, die man in der Bibel findet. Das ist nicht der "Kumpel", der "Liebe Gott", den man einen guten Mann sein lassen kann. Das ist der rachsüchtige, eifersüchtige, Menschen verfluchende, Kinder mordende Gott, dessen "Liebe" meiner Ansicht nach die eines Psychopathen ist, der seine Kinder niemals erwachsen werden lassen will und sie vor die Scheinwahl stellt, sich entweder für ihn zu entscheiden und belohnt zu werden, oder sich ablehnend zu entscheiden und bestraft zu werden.

Viele Christen, die nach ihrer Kindheit oder Jugend aufgehört haben, sich mit ihren Glauben zu beschäftigen und die nur all die positiven Kindheitserinnerungen (mit der geliebten Oma beten, Singen im Kirchenchor, tolle Ausflüge der Pfarrjugend) mit diesem Glauben verbinden, die sind über das Stadium dieses schönen Kinderglaubens mit entsprechendem Gottesbild nie hinausgekommen und tragen unhinterfragt das "Liebe Gott"-Bild in sich.
Ich fand das schon in der Schule und im Studium immer wieder bemerkenswert, dass die Leute, die sich bewusst entschieden haben, einem anderen Weltbild (dem des Atheismus oder auch einer anderen Religion) zu folgen als der Form des Christentums, mit dem sie aufgewachsen sind, dass die meist ein wesentlich größeres Wissen über das Christentum hatten, als nicht nur die "Taufschein-Christen", sondern auch die "Pfarrjugend-Christen", die in ihren Kirchen aktiv waren, aber weiter theologisch unbeleckt geblieben waren.

Worauf ich abgesehen vom Unterschied zwischen dem Gottesbild der Kinder und dem biblisch-theologischen Gottesbild noch hinaus wollte, ist die Frage, ob man das Gottesbild vom Rest der Religion trennen kann:

Der nette Papagott und der nette Jesus verlieren meines Erachtens jeden Sinn und jede Bedeutung, wenn man sie aus dem theologisch-mythologischen Gesamtkontext nimmt. Gott Vater wird deswegen eine so unglaublich große Liebe zugeschrieben, weil er für die sündigen Menschen seinen eigenen Sohn opferte. Und der Sohn ist so liebevoll und gütig, weil er bereit war, sich für die Menschheit zu opfern. Und dieses Opfer macht nur Sinn, wenn man für sich annimmt, dass dieses Opfer auch für einen selbst geschehen ist. Daraus folgt, dass damit dieses Opfer nicht umsonst war und man diese unglaubliche Liebe Gottes nicht von sich weist, man sich zu dem Gott bekennen (also zum Christentum). Denn das allein war der Grund, warum er alles gemacht hat, den Menschen erschaffen, seinen Sohn geopfert, etc.

Ich frage mich immer besonders wie dieser Eklektizismus bei so Konzepten wie Christian Wicca funktioniert. Man kann vielleicht noch irgendwie die sehr klare Position, die in der Bibel zur Hexerei eingenommen wird, ignorieren oder umdeuten. Aber bei so Kernkonzepten des Glaubens, wie: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!" da hört es bei mir auf.
Ich weiß nicht, ob Christian Wicca so eine typisch amerikanische Sache ist, da die in den USA keine Landeskirchen haben, mit einer allgemeinen oder von oben abgesegneten (pun intended :green: ) Theologie, sondern einer Menge Kirchen mit von der Gemeinde eingesetzten Predigern, die man rausschmeißt, wenn sie nicht das predigen, was man hören will. Bei diesen "Du bestätigst mir gefälligst, was ich hören will-Predigten" entsteht schnell ein Gottesbild, das nichts weiter ist als eine gigantisch aufgeblähte Version der eigenen Moral- und Wunschvorstellungen. Da ist der nächste Schritt, dem lieben Papa eine liebe Mama zur Seite zu stellen und Magie als okay zu empfinden, also recht klein.
Zuletzt geändert von Peregrin am Di 25. Jul 2017, 11:23, insgesamt 3-mal geändert.

Knufflon
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#3

Beitrag von Knufflon » Di 25. Jul 2017, 11:17

Ich frage mich, ob Heidentum wirklich u.a. "Nicht-Christentum" bedeutet oder ob es nur eine Distanzierung zur Katholischen Machtpolitik ist - also dem weltlichen Teil.
Ich denke schon, dass es einen absolut grundlegenden Unterschied gibt - das Christentum ist wie die anderen Wüstenreligionen eine Offenbarungs- und keine Erfahrungsreligion. Du mußt, um Christ zu sein, bestimmtes Zeug glauben oder so tun, weil es im Buch steht, weil es Dogma ist. Wenn Du das nicht in Dir finden kannst, wird das nix.

In meinen Augen sind Christentum im herkömmlichen Sinne und heidnische spirituelle Wege gegenseitig sich ausschließend. Spirituelle, also esoterische christliche Strömungen (Mystiker, Katharer, Waldenser und andere gnostische Richtungen) sind grundsätzlich dem eigenen Erfahren gegenüber offen und hinterfragen klassische Dogmen; da sieht die Kiste schon anders aus.

Dass in einer Hinwendung zu heidnischen Richtungen auch eine Ablehnung des Kirchentums zum Vorschein kommen kann, stelle ich nicht in Frage.

LG, Oliver
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Luce
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#4

Beitrag von Luce » Di 25. Jul 2017, 11:29

Hey Peregrin,

Äh wow! :liebegrüße:
Danke für deinen ausführlichen und gehaltvollen Post! Ich fange mal an, darauf zu antworten weil ich glaube, vieles davon muss ich erst einmal weiterdenken, bevor ich zu einer Antwort komme.

Also erst einmal:
Ich habe es vielleicht falsch rübergebracht. Ich meinte nicht, dass man sich verschiedene Götter aus verschiedenen Mythen / Religionen zusammensucht und zusammenbastelt, sondern, dass es für mich gefühlt bestimmte Urenergien gibt, die in verschiedenen Religionen nur andere Namen bekommen und um die dann ein nues Glaubenssystem und eine weltliche Struktur drumherumgebastelt werden.
Ich sehe es schon so, dass man, wenn man sich als "Christ" bezeichnet, auch das Gesamtpaket meinen sollte. Ich - auch das habe ich vielleicht falsch ausgedrückt - würde mich nicht als Christ bezeichnen. Meine "christliche" Erziehung hat nur mein Götterbild - natürlich - anfangs geprägt, bevor es durch verschiedene Erlebnisse und Erkenntnisse erweitert wurde.
Ich denke, jeder hat ja irgendwie so ene Glaubenshistorie und -Entwicklung hinter sich - ansonsten stelle ich es mir so vor, dass der eigene Glauben ja nicht wirklich gefunden wurde, sondern allenfalls adaptiert.

Deshalb würde ich das da unten genau andersherum sehen:
Ich habe da so meine Zweifel, dass das tatsächlich geht, wenn man sich da ernsthaft damit auseinandersetzt.

Ich glaube, dass es nur über den "Mischmasch" geht, wenn man sich zu einem anderen, ernsthaften Glauben hinentwickelt. Vielleicht ist das nur in meinem Kopf so, aber am Anfang kennt man doch eine "Energie", ein bestimmtes Götterbild - und wenn man andere kennenlernt, vergleicht man erst einmal. Es ist ja nicht so dass man von anderen liest und sofort sagt: das ist jetzt meins, dem Glauben gehöre ich jetzt zu 100% an. Irgendwann vielleicht - aber der Weg dahin ist meiner Meinung nach erst einmal durch "Mischmasch" geprägt.

Zum einen ist der christliche Gott, den man Kindern näherbringt, ein ganz anderer Gott, als der für die Erwachsenen, den man in der Bibel findet. Das ist nicht der Kumpel, der "Liebe Gott", den man einen guten Mann sein lassen kann. Das ist der rachsüchtige, eifersüchtige, Menschen verfluchende, Kinder mordende Gott, dessen "Liebe" meiner Ansicht nach die eines Psychopathen ist, der seine Kinder niemals erwachsen werden lassen will und sie vor die Scheinwahl stellt, sich entweder für ihn zu entscheiden und belohnt zu werden, oder sich gegen ihn zu entscheiden und bestraft zu werden.
Da hast du grundsätzlich Recht - dennoch hat jeder von uns irgendwann einmal irgendein Götterbild adaptiert - und da gibt es ja nicht nur die jetzt von dir benannten Extreme, sondern so viele Zwischenstufen wie Menschen.

Worauf ich abgesehen vom Unterschied zwischen dem Gottesbild der Kinder und dem biblisch-theologischen Gottesbild noch hinaus wollte, ist die Frage, ob man das Gottesbild vom Rest der Religion trennen kann:

Jetzt lehne ich mich sehr weit aus dem Fenster, aber ich glaube, das tut jeder - ansonsten würde das ja vorraussetzen, dass sich jeder vor dem Initiationsritus (bei der Säuglingstaufe bei Christen unmöglich) bereits mit der Religion ansich auseinandergesetzt hat. Und klar, irgendwann bin ich verantwortlich dafür, wenn ich mich als "Christ" o.ä. bezeichne - aber bei den Kindern steht das entstehende Götterbild ganz klar vor dem Verständnis der Religion an sich. Anders mag es sein, wenn man sich als Erwachsener nach eingehenden Studien bewusst für einen Glauben entscheidet.

Ich frage mich immer besonders wie dieser Eklektizismus bei so Konzepten wie Christian Wicca geht.

Darauf kann ich dir nicht antworten - dafür kenne ich mich zu wenig mit der Wicca-Tradition aus. Dafür gibt es hier ganz andere Experten. Aber meines Wissens nach arbeitet ja auch der Wiccaglaube mit verschiedenen Namen für Göttin und Gott. Aber wie gesagt - da kann vielleicht jemand der sich besser Auskennenenden etwas zu sagen.

Soweit erst einmal.

Liebe Grüße,
Luce
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#5

Beitrag von Luce » Di 25. Jul 2017, 11:43

Knufflon hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 11:17
Ich frage mich, ob Heidentum wirklich u.a. "Nicht-Christentum" bedeutet oder ob es nur eine Distanzierung zur Katholischen Machtpolitik ist - also dem weltlichen Teil.
Ich denke schon, dass es einen absolut grundlegenden Unterschied gibt - das Christentum ist wie die anderen Wüstenreligionen eine Offenbarungs- und keine Erfahrungsreligion. Du mußt, um Christ zu sein, bestimmtes Zeug glauben oder so tun, weil es im Buch steht, weil es Dogma ist. Wenn Du das nicht in Dir finden kannst, wird das nix.

In meinen Augen sind Christentum im herkömmlichen Sinne und heidnische spirituelle Wege gegenseitig sich ausschließend. Spirituelle, also esoterische christliche Strömungen (Mystiker, Katharer, Waldenser und andere gnostische Richtungen) sind grundsätzlich dem eigenen Erfahren gegenüber offen und hinterfragen klassische Dogmen; da sieht die Kiste schon anders aus.

Dass in einer Hinwendung zu heidnischen Richtungen auch eine Ablehnung des Kirchentums zum Vorschein kommen kann, stelle ich nicht in Frage.

LG, Oliver
Hey Oliver,

so viel Essenz. Du bist offensichtlich deutlich begabter darin als ich, dich kurz und prägnant auszudrücken.
Ich stimme dir aber absolut zu - besonders der Teil bezüglich der "Offenbarungs- und [nicht] Erfahrungsreligion" trifft es absolut auf den Punkt.
Und ja, ich bin auch bei dir, dass sich Christentum und heidnische spirituelle Wege langfristig ausschließen. Dennoch muss man ja irgendwie von A nach B kommen. :kaffee:

LG Luce
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Peregrin
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#6

Beitrag von Peregrin » Di 25. Jul 2017, 12:44

Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 11:29
Ich meinte [...] dass es für mich gefühlt bestimmte Urenergien gibt,
Und wenn man nur das fühlt, was man erwartet?

Du hast den christlichen Gott als den lieben Kumpel kennengelernt. Wenn nun jemand den selben christlichen Gott von seiner gewalttätigen, rachsüchtigen Seite kennengelernt hat, meinst du, dass die beiden Energien dann fälschlicherweise beide dem Christengott zugeordnet werden und es in Wahrheit zwei verschiedene Energien sind? Oder kann diese Urenergie sowohl Liebe als auch Zorn und Rachsucht beinhalten?

Götter ändern sich ja auch mit der Zeit. So war z.B. Wotan anfangs "nur" ein Wettergott und wurde später zum Göttervater, zum Gott der Poesie und der Magie, des Krieges und der Toten. Ich würde da also nicht von einer Urenergie sprechen, da ich unter "Urenergie" nichts wandelbares verstehe.

Energien, ja. Wobei es schwierig sein kann, zu unterscheiden, wann diese Energien nicht einfach die Energien der eigenen Emotionen sind, die durch bestimmte Erwartungen und Vorstellungen geweckt werden, und die man mehr oder weniger bewusst projiziert (als magisch arbeitender Mensch wohl eher bewusst) und wann nicht.

Götterbilder lernt man ja meist von außen kennen. Sprich Zeus wirst du sicher dadurch kennengelernt haben, weil du ein Buch über griechische Mythologie gelesen hast.
Wenn du den christlichen Gott als liebenden Vater kennengelernt hast, dass liegt es ja nahe, dass du in Zeus hauptsächlich den Allgott, den Vater der Menschen gesehen hast. (Ich sehe in ihm vor allem seine Promiskuität - ein Großteil seines Handels besteht ja darin, dass er mit irgendwelchen anderen Frauen als mit seiner Ehefrau Kinder zeugt - also eher konträr zu JHWH.)

Bei diesen Götter-Rezeptionen würden ich einen Unterschied machen zu (Ur-)Energien.
Wenn du z.B. in der Meditation eine Präsenz von allumfassender Liebe (Urenergie) erfährst, dann wirst du die als christlich erzogene (und als "Papakind" ;) ) als den christlichen Vater wahrnehmen. Ein in Asien sozialisierter Mensch, der die selbe Präsenz von allumfassender Liebe wahrnimmt, wird diese wohl eher als Guanyin identifizieren, als weibliches Wesen mit völlig anderer Mythologie.
Ich finde, es ist wichtig, dass uns bewusst wird, dass wir nicht die "Urenergie" wahrnehmen, sondern nur das Gewand, dass wir dieser Energie gewebt haben aus unseren eigenen Vorstellungen. (An denen der ganze mythologisch-theologischen Ballast dranhängt.)

Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 11:29
Da hast du grundsätzlich Recht - dennoch hat jeder von uns irgendwann einmal irgendein Götterbild adaptiert - und da gibt es ja nicht nur die jetzt von dir benannten Extreme, sondern so viele Zwischenstufen wie Menschen.
Genau das sind sie für mich: adaptierte Bilder. Das Göttliche an sich, die Urenergie hat m.E. kein Geschlecht, keine Geschichte mit Stammbaum, Geburt, Rivalitäten, Kämpfe gegen irgendjemanden, kein menschengleiches Wesen mit Emotionen wie Vorlieben und Abneigungen. Das sind für mich alles die Kleidungsstücke, die wir Menschen aus unseren Energien gewebt haben, um es dem Unbegreiflichen überzustreifen.

Reden wir vielleicht auch aneinander vorbei, weil du mit "Urenergie" eher so etwas wie die "Archetypen" meinst? Dann ist natürlich der Vaterarchetyp sowohl in JHWH als auch in Zeus zu finden.

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Luce
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#7

Beitrag von Luce » Di 25. Jul 2017, 12:52

Peregrin hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 12:44
Reden wir vielleicht auch aneinander vorbei, weil du mit "Urenergie" eher so etwas wie die Archetypen der Psychologie meinst?

Ja und nein. Ich glaube, dass wir aneinander vorbei reden, aber ich meine nicht die Archetypen der Psychologie. Ich meine eigentlich gar keine Person - auch wenn ich als Kind dem Ganzen natürlich ein Gesicht gegeben habe. Ich meine die Energie, die ich als "männlich" beschreiben würde und die, die ich als "weiblich" beschreiben würde. Sonne und Mond. Yin und Yang. Vater und Mutter. Gott und Göttin.
Das sind zwar jetzt z.T. wieder Personen, aber nur als Ausdruck einer bestimmten Energie, sie geben einer bestimmten Energie ein Gesicht.

Wenn du in der Meditation eine Präsenz von allumfassender Liebe (Urenergie) wahrnimmst, dann wirst du die als christlich erzogene (und als "Papakind" ;) ) als den christlichen Vater wahrnehmen.

Hm...ne, so einfach ist es nicht. Eher als den "Heiligen Geist", wenn wir schon bei der christlichen Begrifflichkeit bleiben wollen.

Genau das sind sie für mich: adaptierte Bilder.

Da stimme ich dir zu...aber ohne geht es ja auch erstmal nicht, oder?

Wie bist du denn zu deiner Vorstellung von Göttern / Glauben etc gekommen?

LG Luce
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Peregrin
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#8

Beitrag von Peregrin » Di 25. Jul 2017, 13:25

Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 12:52
Ich meine die Energie, die ich als "männlich" beschreiben würde und die, die ich als "weiblich" beschreiben würde. Sonne und Mond. Yin und Yang. Vater und Mutter. Gott und Göttin.
Wenn du "Gott" und "Göttin" als Polariäten eines Ganzen siehst, dann hast du da die Wicca-Theologie übernommen, in der alle Göttinnen Aspekte einer Göttin sind und alle Götter Aspekte einen Gottes? Das geht für mich schon in die Richtung "Archetypen".
Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 12:52
Hm...ne, so einfach ist es nicht. Eher als den "Heiligen Geist", wenn wir schon bei der christlichen Begrifflichkeit bleiben wollen.
Und wie passt der in dein polare Yin-Yang-Einteilung? (Ich bin mit der evangelischen Deutung des Hl. Geistes nicht wirklich vertraut.)

Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 12:52
Wie bist du denn zu deiner Vorstellung von Göttern / Glauben etc gekommen?
Schwer zu beantworten, da dazu erst einmal geklärt werden müsste, was wir mit Götter meine, da wir im Bezug darauf ja offensichtlich noch aneinander vorbeireden. :green:

Ich habe meine Vorstellungen (<- !!!) von "mythologischen Göttern" natürlich aus meiner Sozialisation und aus der Literatur.

Generell ist meine Einstellung zu Göttern die hermetische, nach der man das Göttliche (also das, was über oder hinter den menschlichen Vorstellungen liegt) erst begreift, man man ihm gleich ist. Was religiösen Glauben betrifft, da bekenne ich mich zu keinem sondern versuche einer "Erfahrungs-Philosophie" zu folgen, quasi einem vom Buddhismus befreites Zen.
Zuletzt geändert von Peregrin am Di 25. Jul 2017, 13:36, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#9

Beitrag von Schneewoelfin » Di 25. Jul 2017, 13:28

Hi Luce,
Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 10:34
Zudem habe ich das Gefühl, dass wenn man von allen Religionen die Machtstruktur der Menschen abzieht, eine göttliche Uressenz bleibt, die immer wieder durch die gleichen Prototypen symbolisiert wird.
sehe ich nicht ganz so.... es gibt Ähnlichkeiten, aber sie sind in meinen Augen durchaus eigene Aspekte. ZB konnte/kann ich mit Venus oder Aphrodite, als einen Aspekt einer Liebesgöttin nie was anfangen, eher mit Erzulie
ich möchte das mal mit einem Nahrungsmittel vergleichen: in Deutschland denkt man wahrscheinlich bei einem Linsengericht automatisch an Linsensuppe mit einem Schuss Essig und Würstchen, während ein Inder bestimmt automatisch ein Dal Curry im Sinne hätte
auch kommt die Entwicklung der Gottesbilder hinzu - da hat mal Prof. Ronald Hutton einen sehr interessanten Vortrag über "Goddesses of Sex and War" gehalten und aufgezeigt, wie das Götterbild so durch die Jahrhunderte verniedlicht wurde
Als erstes betrachtete er die Geschichte von Inanna, die Enki(Gilgamesch) zerstückelte, und einen Krieg anzettelte, weil er ihre Liebe zurückwies. Inanna ist auch noch nackt und mit Klauen statt Füssen dargestellt, Ishtar dann schon bekleidet, Aphrodite bedeckt mit ihren Händen züchtig den nackten Busen oder ihre Scham, ist zwar noch für Sex zuständig, aber auch Beschützerin der Ehe und last but not least wurde eine römische Gemüsegöttin (hat ja auch was mit Fruchtbarkeit zu tun ;) ) zu deren Liebesgöttin ernannt: Venus
ich finde da auch die Hellenisierung der ägyptischen Götter sehr interessant: aus der wilden, mächtigen Aseth wurde die Big Mama Isis

schon ne krasse Entwicklung :girlie-oh-my-god:

ähnlich ging es aber auch den Göttern, sie durften nicht mehr zornig und böse sein..... sondern so, wie sich beispielsweise die Griechen einen funktionierenden Senat vorstellten, da hatten die Urkäfte, wie Kronos, Gaia und Uranos nix mehr zu suchen

bzw sieht man auch den Unterschied zwischen den "zivilisierten" Griechen und den wilden Nordmännern in ihren Göttern:
Zeus thront oben im Olymp und schmeisst nicht einfach wild mit Blitz und Donner um sich, im Gegensatz dazu Thor :keule:
Luce hat geschrieben:
Di 25. Jul 2017, 10:34
Und irgendwie bastelt sich doch auch trotz "Obergruppierungen" und deren Namen jeder sein eigenes "Bild" und seinen eigenen Glauben...oder?
klar.... mit den Weltanschauungen mancher gibt es dann eben grössere Schnittmengen, mit anderen weniger....

LG Schnee
Zuletzt geändert von Schneewoelfin am Di 25. Jul 2017, 14:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Hagezorn
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Re: Gedanken zur Entstehung meines Glaubens

#10

Beitrag von Hagezorn » Di 25. Jul 2017, 14:38

Nun,ich gehe noch mal ganz anders ran.
Ich wurde zum Atheismus erzogen.
Leider stand meine Hellsichtigkeit dem im Weg... ;)
Für mich sind Götter Personen.
Keine psychologischen Prizipien,keine abstrakten von Menschen gemachten Gebilde.
Sie sind für mich ganz einfach die Nachbarn aus einem anderen Land.
Man versteht sich oft schlecht,man mißversteht sich auch,aber wenn man kann hilft man gerne.....
Für mich als Medium heißt das ,das ich einem Engel begegnen kann,aber auch einen Tiergeist oder eine Loa.
Prinzipiell rufe ich keine Götter an-schließlich mag man keine Nachbarn,die ständig an der Tür trommeln(fällt unter Lärmbelästigung).
Bin aber offen in meiner Beobachtung.
Ich spüre und sehe,doch tue nur dann,wenn jemand etwas will.
Es ist wie das Lauschen an der Nachbarstür.Nur mit Stille sein kriegt man mehr mit als mit lautem Getöse(vor allem Interna)
Natürlich darf man sich beim Lauschen nicht erwischen lassen....
Es ist wichtig,die Geschichte der Götter zu kennen-aber nur wenn man bedenkt,das auch Götter Umschulungen kennen.
Und Götter lieben Cosplay.Sie leihen sich auch untereinander mal die Klamotten-so wie der Gläubige es erwartet.
Es ist immer besser,wenn man in niemandes Schuld steht.
Deshalb bitte ich um nichts,danke aber für die Möglichkeiten.
Und wenns hart kommt,versuche ich zu verstehen.
Manche Hintergrundinfo hätte ich nicht,wenn ich zu viel Bimborium veranstalten würde.....
Wer uns Denken erspart, erspart uns Schmerzen, wie ein Arzt, oder ein Drogenhändler.
Dushan Wegner

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