Selbstgemachte Tinte

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Sarf
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Selbstgemachte Tinte

#1

Beitrag von Sarf » Mi 2. Mai 2018, 22:11

Hallo alle zam,
erstmal muss ich sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob das im richtigen Unterforum ist, aber es schien zu den restlichen Threads zu passen, also bitte verschieben, falls es was Besseres gibt. Da die Formalitäten nun erledigt sind, will ich euch etwas über klassische Tinten erzählen und eine solche anhand eines Rezeptes von mir vorstellen. Ich habe bemerkt, dass selbstgemachte Tinten paar Mal im Forum erwähnt wurden, aber noch nirgendwo ein ganzes Rezept stand und da ich zur Zeit eh ein Buch übers Brauen schreibe und mich durch sämtliche möglichen Zubereitungen braue um praktische Tipps einbauen zu können, dachte ich mir ich probier mich mal an Tinten. ^^

Klassische Tinten, wie etwa die noch heute verwendete Urkundentinte, bestehen aus Wasser oder Alkohol in dem anorganische Pigmente vorwiegend dispergiert (=in der Flüssigkeit verteilt, nicht gelöst) werden und einem Bindemittel (Gummi arabicum oder andere Baumharze wie etwa Kirsche). Die Urkundentinte ist eine sogenannte Eisengallustinte. Eisengallustinte hat ihren Namen von den beiden Stoffen die den Farbstoff bilden, namentlich Eisen und Gallussäure. Klassisch bereitete man die Tinte indem man Galläpfel auskochte und der tiefbraunen Lösung Eisenvitriol/Eisen(II)-Sulfat zusetzte. Die Lösung färbte sich augenblicklich schwarz. Man dickte die Flüssigkeit nun durch Gummi arabicum und Kochen ein. Das Besondere: Der Farbstoff bildet sich erst nach dem Schreiben direkt auf dem Papier durch eine chemische Reaktion mit dem Sauerstoff aus der Luft. Während die Tinte frisch aufgetragen kaum sichtbar und lediglich leicht gräulich erscheint, dunkelt sie, je nach Konzentration des Farbstoffs und je nach Lichteinstrahlung, stark nach bis zu einem lichtechten tiefem Schwarz, was weder mit Alkohol, noch Wasser abwischbar ist.

Nun zur Praxis:
Ich experimentier seit etwa einem Monat mit verschiedenen Farbstoffen (anorganischen und organischen) und diversen Bindemittel. Leider muss ich sagen, dass weder die Kombinationen aus Vanille mit diversen Metallen, noch moderne Farbstoffe wie Kupferphthalocyanin wirklich zufriedenstellend waren, so dass ich am Ende doch nur eine mehr oder weniger klassische Eisengallustinte machte und aufbewahrte.

Da die Eisengallustinte wie erwähnt kaum sichtbar ist, habe mich dafür entschieden der Tinte einen weiteren Farbstoff hinzuzufügen. In meinem Fall war dies Berliner Blau (im Rezept als Lösung 1 bezeichnet). Dieser Teil ist optional und die Tinte hat die gleiche Farbe und Intensität wenn man ihn weglässt.

Ich mischte 20ml Ethanol und 10ml Wasser mit 0,27g Eisen(III)-Chlorid und 0,36g gelben Blutlaugensalz. Die Einwaage ist stöchiometrisch und sollte eingehalten werden, da ein Überschuss an Eisen zu Papierfraß führt (Weniger ist hier mehr was das Eisen angeht). Diese Lösung färbte sich augenblicklich tiefblau.

In einem separaten Becher mischte ich ebenfalls 20ml Ethanol, 20ml Wasser, 0,4g Eisen(III)-Chlorid und 2,7g Tannin. Die Lösung ist vor Zugabe des Eisens bernsteinfarben (gelöstes Tannin). Sobald das Eisen hinzugegeben wird färbt sich die Lösung tiefschwarz.

Ich mischte je 25ml von jeder der beiden Lösungen in einem neuen Becher, gab 1,5 TL Mastix dazu und engte die Lösung unter ständigem Rühren auf 25ml ein. (Dabei löste sich auch das Mastix in der Lösung.) Zwischendrin probierte ich die Tinte immer wieder um die gewünschte Konsistenz zu erreichen. Als ich zufrieden war, ließ ich die Mischung auf Raumtemperatur abkühlen, füllte es in einen Behälter und schäumte die Mischung kräftig auf bis ein fester Schaum entstand. So ließ ich die Mischung 24 Stunden stehen und seihte sie danach durch ein Passiertuch. Am Ende hatte ich eine mitternachtsblaue, recht zähe, aber sehr schnell trocknende Lösung (wer langsam schreibt, sollte sie etwas verdünnen).

Tipps und Tricks:
- Falls ihr zu viel Eisen(III)-Chlorid in der Tinte habt, seht ihr das daran, dass gelbe Schlieren aus dem Schriftstrich auslaufen.
- Die Konsistenz entscheidet nicht nur über die Flusseigenschaft der Tinte aus/von der Feder, sondern auch darüber wie dick eure Schriftstriche werden (je dünner, desto mehr wird die Tinte vom Papier aufgesaugt und der Schriftstrich geht in die Breite).
- Das Lösungsmittel (Alkohol oder Wasser) und dessen Konzentration ist maßgeblich dafür, wie schnell eure Tinte trocknen wird. Meine ist sehr alkoholisch und trocknet bereits auf der Glasfeder nach etwa 30 Sekunden ganz aus.
- Das Bindemittel trägt zum Glanz des Schriftstriches bei. Gummi arabicum ist eher unscheinbar, während Mastix doch einen deutlichen Schimmer bei Lichteinwirkung zeigt. Mastix verleiht eurer Tinte auch einen zitronigen Duft.
- Egal was ihr macht, seit bereit schwarzgrüne Finger zu bekommen und fasst euch während der Zubereitung nicht ins Gesicht. Das gibt semipermanent Make-Up.
- Ansonsten keine der Chemikalien in Augen, Mund oder auf die Schleimhäute bekommen. Solltet ihr etwas auf die Haut bekommen ist es nicht schlimm, einfach direkt mit reichlich Wasser abwaschen.

Zum Abschluss noch meine fertige Tinte, das Rezept geschrieben mit der Tinte und die Glasfeder, deren Spitze noch von der Tinte eingefärbt ist:

Bild
Zuletzt geändert von Sarf am Do 3. Mai 2018, 08:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Selbstgemachte Tinte

#2

Beitrag von Peregrin » Mi 2. Mai 2018, 22:55

Hast du auch Dornenrindentinte zu machen ins Auge gefasst? Schön blutrot. :teufelchen: Mai soll die beste Sammelzeit für die Schlehenzweige sein.

Ich bin ja immer noch auf der Suche nach einem Rezept für tiefschwarze Tinte, die weder das Papier zerfrisst noch die Feder verstopft, wenn man mit Füllfeder schreibt.

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Re: Selbstgemachte Tinte

#3

Beitrag von Sarf » Do 3. Mai 2018, 00:31

Hab ich mir tatsächlich mal überlegt, mich dann aber doch für eine violette Tinte aus Walnussschalen entschieden. :green:
Ich hab meine Tinte auch mit einer Füllfeder ausprobiert, allerdings ist das ein kaputter Füller und ich tauchte nur die Spitze rein - hat super funktioniert. Vom Befüllen des Kolbens mit der selbstgemachten Tinte würde ich aber abraten, weil es verstopft.

Ich schreibe für gewöhnlich nur mit Kolbenfüller (Pelikan) und da benutze ich die Edelsteinstinte ebenfalls von Pelikan. Selbstgemachte Tinte werde ich nur in meinem BdS und in Ritualen benutzen. Für profane Angelegenheiten muss die Goldfeder reichen. :lach:
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Re: Selbstgemachte Tinte

#4

Beitrag von Stadteule » Do 3. Mai 2018, 01:42

Ich bin Tintenfan :mad3:
Ob Glasfeder, normaler Kolbenfüller oder geliebter MontBlanc - am liebsten schreibe ich mit Tinte aus dem Fass.

In Freiburg gab es mal einen Laborglaser, der hervorragende Glasfedern für kleines Geld hergestellt hat. Die hatten ein wunderbares Schriftbild und ich habe jahrelang mit nichts anderem geschrieben (bis mir leider eine Spitze abbroch). Naja, btt: tolles Thema @Sarf, und danke für Deine Erfahrungen, ich finde das sehr spannend!
Vor Jahren habe ich auch mal Tinte gemacht, war aber nicht so super zufrieden mit dem Ergebnis. Ich muss mal schauen, ob ich das Rezept noch habe. Daraufhin habe ich aber begonnen, alte Tintenrezepte zu sammeln - wenn ich sie die Tage finde, werde ich sie hier schreiben.
Jedenfalls animiert mich das gerade, mich dem Thema Tinte auch wieder zu widmen.


LG, Stadteule
Wer sie nicht kennte, Die Elemente, Ihre Kraft und Eigenschaft, wäre kein Meister über die Geister. (J.W.v.Goethe)

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Re: Selbstgemachte Tinte

#5

Beitrag von Sarf » Do 3. Mai 2018, 08:24

Stadteule hat geschrieben:
Do 3. Mai 2018, 01:42
geliebter MontBlanc
Ich habe schon immer nur Pelikan benutzt, weil es sich in meiner Familie irgendwann etabliert hat, dass jeder nen Pelikanfüller spätestens zum 21. Geburtstag bekommt. Ich habe zwar auch andere probiert, aber ich kam nie von Pelikan weg und bin eig sehr zufrieden. Auch mit dem Service (die haben mir umsonst meine Kolbenmechanik repariert, nachdem ich sie einmal zu fest geschraubt habe und der Kolben das halbe Gehäuse des Füllers schrottete :( ).
Stadteule hat geschrieben:
Do 3. Mai 2018, 01:42
In Freiburg gab es mal einen Laborglaser, der hervorragende Glasfedern für kleines Geld hergestellt hat. Die hatten ein wunderbares Schriftbild und ich habe jahrelang mit nichts anderem geschrieben (bis mir leider eine Spitze abbroch). Naja, btt: tolles Thema @Sarf, und danke für Deine Erfahrungen, ich finde das sehr spannend!
Vor Jahren habe ich auch mal Tinte gemacht, war aber nicht so super zufrieden mit dem Ergebnis. Ich muss mal schauen, ob ich das Rezept noch habe. Daraufhin habe ich aber begonnen, alte Tintenrezepte zu sammeln - wenn ich sie die Tage finde, werde ich sie hier schreiben.
Jedenfalls animiert mich das gerade, mich dem Thema Tinte auch wieder zu widmen.
Ich hab jetzt zum ersten Mal ne Glasfeder ausprobiert und bin eig sehr zufrieden, die anfängliche Skepsis stellte sich als unbegründet heraus. Würde mich sehr freuen, wenn du das Thema mit deinen Rezepten ergänzen würdest. Sollten weitere erfolgreiche Tintenrezepte in meiner Stube entstehen, werde ich diese dann auch noch hier posten. Aktuell widme ich mich dann anderen Zubereitungen bis ich die Walnussschalen sammeln kann.
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Re: Selbstgemachte Tinte

#6

Beitrag von Peregrin » Do 3. Mai 2018, 10:36

Sarf hat geschrieben:
Do 3. Mai 2018, 00:31
Hab ich mir tatsächlich mal überlegt, mich dann aber doch für eine violette Tinte aus Walnussschalen entschieden. :green:
Oh, das klingt interessant. Was tust du dazu für den Rotton? Ich habe aus Walnusschalen bisher nur grünlich-schwarzes herstellen können.

Hat von euch schon mal jemand Glasfedern mit Kalligraphie-Spitze gesehen? Generell finde ich die üblichen Glasfedern auch vom Schreibgefühl und mit ihrem kleckerfreien "Spiralen-Reservoire" gut, nur habe ich bisher leider nur welche mit Punktspitze gefunden.

Was Kolbenfüller betrifft, werfe ich neben Montblanc und Pelikan auch mal Lamy in die Runde. Von dem Hersteller ist einer meiner Lieblingsfüller seit der Schulzeit. Schlichtes silberfarbenes Stahlgehäuse und wunderbar weiches Schreibgefühl.

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Re: Selbstgemachte Tinte

#7

Beitrag von Sarf » Do 3. Mai 2018, 10:52

Peregrin hat geschrieben:
Do 3. Mai 2018, 10:36
Oh, das klingt interessant. Was tust du dazu? Ich habe aus Walnusschalen bisher nur grünlich-schwarzes herstellen können.
"Mercks Reagenzien-Verzeichnis" sagt, dass Juglon mit Nickel(II)-Salzen einen violetten Farbstoff bildet. Bei der Kombination aus Vanillin und Eisen, welche blauviolett ist, hatte das Verzeichnis schonmal recht.
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Re: Selbstgemachte Tinte

#8

Beitrag von Lakeisha » Fr 4. Mai 2018, 11:09

Hallo Ihr Lieben,

Wow, bin sprachlos.....was für ein tolles Thema, DANKE!!!!

Bin begeisterte Füllfederhalter- Nutzerin. Die Tipps hier sind einen Versuch wert!
Ich schreibe sehr gerne mit lilafarbener oder grüner Tinte, bisher nur fertig gekaufter.....
Meinen Montblanc Füller habe ich mir bisher aufgespart..... Er hat eine Goldfeder. Habe ich mal gewonnen (
Schreiberwettbewerb)..... Viele Füller habe ich mir auch schon wegen der gekauften Tinte ruiniert.....kann nicht verstehen wieo die Federhalterung immer marode wird, ist das normal????

GlG, bb, Lakeisha
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Morgengymnastik:
Mit dem richtigen Fuß aufstehen, Fenster seiner Seele öffnen; vor allem was lebt verbeugen; Gesicht der Sonne zuwenden; paar Mal über den eigenen Schatten springen; sich gesund lachen.
Und: :kaffee: ;)

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Re: Selbstgemachte Tinte

#9

Beitrag von Peregrin » Fr 4. Mai 2018, 11:41

Lakeisha hat geschrieben:
Fr 4. Mai 2018, 11:09
Viele Füller habe ich mir auch schon wegen der gekauften Tinte ruiniert.....kann nicht verstehen wieo die Federhalterung immer marode wird, ist das normal????
Was meinst du damit? :shocked: Da wo die Metallfeder drinsteckt, das Teil zerbricht, oder wie muss man sich das vorstellen? Das habe ich bei einem guten Füller noch nie gehabt.

Das einzige Problem, das ich kenne ist, das wenn man mit schwarzer Tinte schreibt (was ich eigentlich fast nur tue), egal ob gekaufte oder selbstgemachte, irgendwelche Partikel der Tinte die Feder zusetzen, wenn man nicht regelmäßig damit schreibt. Das heißt, Füller auseinanderschrauben, in heißes Wasser einlegen und blanko "schreiben", schreiben, schreiben, bis das Zeug wieder gelöst, und die Feder frei ist.
Bei blauer Tinte passiert das nicht. :nixweiss:

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Re: Selbstgemachte Tinte

#10

Beitrag von Lakeisha » Fr 4. Mai 2018, 15:59

Lieber Peregrin,

mh, die Kunststoffhalterung wurde entweder bröselig oder brüchig. Das war aber Pelikan und Geha. Wie gesagt, mein Montblanc lebt noch ;)

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