Musik und Zeitgeist

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Peregrin
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Musik und Zeitgeist

#1

Beitrag von Peregrin » So 17. Jun 2018, 01:31

Hi!

Ich habe in letzter Zeit, wenn ich Radion hören muß, immer gedacht: "Mein Gott, ich bin zu alt oder zu jung für Schlagermusik", immer wenn einer dieser austauschbaren deutssprachigen Popsongs kam. (Und ja es ist Schlagermusik für mich: Anspruchslose "Wohlfühltexte" a la Revolverheld in denen sich jeder wiedererkennen kann mit Mitsinggarantie.) Ich dachte, dass sich mir dabei die Nackenhaare aufstellen sei ein Zeichen des Älterwerdens, das typische "Die fürchterliche Musik, die die Jugend heute hört...!" halt. :green: Bei den englischsprachigen Songs geht's mir auch kaum anders, by the way.

Darum bin ich froh, eben bin ich über das Video gestolpert zu sein: https://www.youtube.com/watch?v=oVME_l4IwII

Was haltet ihr davon?

Ich dachte immer, einer der Gründe, warum die Musik so schlecht geworden ist, ist der Anspruch an den Künstler. "Früher" war es wichtig, ein guter Musiker zu sein, gut singen zu können oder ein Instrument gut zu beherrschen. Als die Musik immer elektronischer wurde, und jeder mit einem rudimentären Tonstudio die schrecklichste Stimme zu etwas machen konnte, was sich okay anhört, und wo Drummmaschine, Synthesizer und Computer alle Instrumente ersetzen können, muss auch niemand mehr ein Instrument spielen können. Die Songs selbst zu schreiben war wohl auch üblicher als heute. Statt gute Musik machen zu können ist heute die Performance des "Künstlers" wichtiger geworden: Gutes Aussehen, Choreografie und ähnliches optisches sind wichtig geworden. Und natürlich das Image: Schrägheit wie Lady Gagas oder Provokation wie Miley Cyrus - das ist Marketing.

Dann sind es sicher auch die Speichermedien. Wegen der Komprimierung haben CDs eine schlechtere Qualität als Schallplatten und mp3s eine schlechtere als CDs, usw. (Ähnliches passiert auch in der Optic, Röhrenfernseher und Flachbildschirm.) Ohr und Auge gewöhnt sich aber dran.

Was die eine These des Videos betrifft, dass in der Pre-Internetzeit man in den Musikladen gehen musste und viel Geld für eine Platte ausgab, die immer und immer wieder hörte bis man alles gut fand, dem stimme ich bis dahin so weit zu. Auch wenn er meint, dass gäbe es heute nicht mehr, da man sich unter Millionen Lieder einfach ein neues runterladen kann und das darum gleich "catchy" sein muss. Das stimmt wohl nur so weit, wie das Radio nicht ins Spiel kommt. Da ist die Auswahl der Lieder auf ein Minimum geschrumpft. Es werden nicht nur täglich fast die selben Lieder gespielt, sondern von denen auch mehrere mehrmals am Tag. Da ist der Effekt, dass man etwas so oft hört, bis man es gut finden muss, auch wieder da.

Interessant finde ich den psychologischen Background, der im Video angesprochen wird:

- dass ein simples, und vor allem wiedererkennbares Lied in einer sich schnell verändernden Welt für die Menschen wichtig ist, da es Halt gibt
- das die Musikindustrie einen durch diversen Medien, denen man ausgesetzt ist, zwingt, ein Lied gut zu finden, da es überall gespielt wird
- die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen kürzer geworden ist (sicher auch durch "neue Medien") und darum auch Lieder simpler und kürzer sein müssen

Was meint ihr dazu?

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Arwyn
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Re: Musik und Zeitgeist

#2

Beitrag von Arwyn » So 17. Jun 2018, 08:58

Wirklich interessantes Video. Ich nehme das seit über zwanzig Jahren wahr, das Video liefert mir jetzt genaue Erklärungen und Fakten dazu. Bei manchen Sachen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ach deswegen nervt mich moderne Musik immer so! - Z.B. bei dem Punkt mit der Lautstärke und der Sache mit den ständigen Wiederholungen.

Gut zu wissen, dass ich mir das keineswegs aus Verschrobenheit einbilde. Aber im Grunde einfach traurig, diese Entwicklung. Ich hoffe sehr, dass er mit seiner Prognose falsch liegt und es in Zukunft genug Menschen auf den Sack geht, damit sich richtige Musik wieder lohnt.

Übrigens kenne ich ein paar so Technikverehrer, die die Reduktion auf Synthesizer und Mischpult für fortschrittlich halten. Die sind u.a. auch der Meinung, die Synthesizer seien inzwischen so gut, dass man jedes Instrument damit imitieren könne, ohne dass es auffällt, weil z.B. kleine Unregelmäßigkeiten per Computer reingerechnet werden. Das hat mir mal einer u.a. mit Violine demonstrieren wollen (eins meiner Lieblingsinstrumente, das ich auch mal angefangen habe zu lernen) und ich habe sofort gehört, dass das künstlich ist. Die "Unregelmäßigkeiten" waren absolut künstlich-regelmäßige Vibrationen, wie man sie an der Violine niemals erzeugen könnte. Außerdem habe ich bei jedem Tonwechsel hören können, dass das per Taste geschah, es fehlte logischerweise das typische Fließende der Geige.
Wie dem auch sei - derjenige hat mir nicht geglaubt und mir meine Wahrnehmung einfach mal abgesprochen. :heu:
Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt
(Hermann Hesse)

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Etain
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Re: Musik und Zeitgeist

#3

Beitrag von Etain » So 17. Jun 2018, 18:09

Oh das höre ich berufsbedingt sooo oft. Ich denke, man muss es wie alles differenziert sehen.
Man denke an Minimal Music...
Es ist einfach eine Strömung unserer Zeit, die auf eine bestimmte Art und Weise unsere Gesellschaft abbildet. Nicht mehr nicht weniger. Es liegt an uns andere Musik zu produzieren und/oder zu konsumieren.
Lustig finde ich, dass es ähnliche Diskussionen bereits vor mehreren 100 Jahren gab. Besonders die psychologischen Aspekte.

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Peregrin
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Re: Musik und Zeitgeist

#4

Beitrag von Peregrin » So 17. Jun 2018, 19:52

Etain hat geschrieben:
So 17. Jun 2018, 18:09
Ich denke, man muss es wie alles differenziert sehen.
Das würde ich gerne. Wenn du also noch mehr Gründe zu präzisen Facetten hast, nur her damit.
Etain hat geschrieben:
So 17. Jun 2018, 18:09
Es ist einfach eine Strömung unserer Zeit, die auf eine bestimmte Art und Weise unsere Gesellschaft abbildet.
Dann meinst du, die Punkte, die im Video angesprochen werden, seien alle falsch? Inwiefern?

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Re: Musik und Zeitgeist

#5

Beitrag von Etain » Mo 18. Jun 2018, 05:49

Ich meine, dass in jeder Musikepoche die Zeigenossen diese Argumente angeführt wurden. Mein berufliches Spezialgebiet ist das 19. Jahrhundert. Hier gab es schon den Ansatz die damals moderne Musik wäre rückwärtsgewandt, würde die Verdummung der Menschheit dokumentieren und wäre schrecklich. Meiner Erfahrung nach werden wir von unserer Epoche musikalisch geprägt in dem Sinn, dass wir lernen worauf wir in der Musik achten. Leider ist es heute immer üblicher nur minimalistisch etwas zu verändern. Zu viel Veränderung verunsichert.
Ich muss los... später ggf. mehr.

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Re: Musik und Zeitgeist

#6

Beitrag von Hekate » Mo 18. Jun 2018, 08:58

Diese Diskussion gabs schon oft.

Kirchenmusik / Minegesang

Als Beispiel

Gruss

Hekate
Das alles sind meine,
persönlichen Einstellungen, Einsichten und Meinungen.
Niemand braucht mir da zu zustimmen.
Ich, sehe es so und meine es so.
Und das ist schon alles.

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Peregrin
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Re: Musik und Zeitgeist

#7

Beitrag von Peregrin » Mo 18. Jun 2018, 13:40

Etain hat geschrieben:
Mo 18. Jun 2018, 05:49
Ich meine, dass in jeder Musikepoche die Zeigenossen diese Argumente angeführt wurden.
Ja, das hatte ich schon verstanden. ;) Dass jede Generation die Musik der folgenden meist ablehnt, dass ist sicher so, seit der erste Urmensch auf einem Grashalm gepfiffen hat. :green:
Nur was hältst du von den Argumenten, die in dem Video gebracht werden?

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Re: Musik und Zeitgeist

#8

Beitrag von Etain » Mo 18. Jun 2018, 14:32

Die Argumente im Video sind nicht neu, sondern nur so aufbereitet, dass es neurotypisch gefällig ist. Ich persönlich bin kein Fan. Vielleicht öffnet es dem ein oder anderen die Augen. Hier im Forum ist es meiner Erfahrung nach nicht so nötig. Ich schätze die Gesellschaft hier auch wegen ihres nonkonformen Geschmacks.

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Peregrin
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Re: Musik und Zeitgeist

#9

Beitrag von Peregrin » Mo 18. Jun 2018, 15:31

Etain hat geschrieben:
Mo 18. Jun 2018, 14:32
Die Argumente im Video sind nicht neu, sondern nur so aufbereitet, dass es neurotypisch gefällig ist.
Welche Argumente meinst du genau?

Aspekte wie die harmonische Komplexität und die Breite der Klangfarbe waren früher nicht messbar, die hat darum auch sicher niemand angeführt. die Lautstärke der einzelnen Komponenten konnte man nicht oder nur begrenzt beeinflussen ohne das Equipment eines modernen Tonstudios.

Die Ähnlichkeit verschiedener populärer Lieder was Melodie, Rhythmus und Texte betrifft, sind hingegen sicher schon verglichen worden, seit es die Notenschrift gibt.

Wenn es früher schon Studien gab zur Komplexität von Texten, zur "Lyrik Intelligenz", wäre ich das echt dran interessiert :girlie-nick: (Da z.B. Volkslieder meist ja nicht für ihre besonders tiefsinnigen Texte bekannt sind und darauf ausgelegt sind, wiederholte Strophen zu haben, bei der jeder, vom besoffenen Fritz bis zu Nachbars Waldi mitsingen kann. Kann es sein, dass moderner Pop noch simpler ist? )

Da finde ich es sehr interessant, dass die Ähnlichkeiten heute noch größer sind, als sie es früher schon waren und finde es interessant, sich da Gedanken über die Ursache zu machen. Sei es nun die monetäre Macht der Musikindustrie oder eine allgemeine Stimmung.
Sich darüber auszutauschen fände ich echt spannend. Ist es tatsächlich so, dass simple, vertraute "sichere" Musik von Leuten in Krisenzeiten gewünscht wird? (Warum war dann ausgerechnet in den 60er Jahren, zur Zeit des Vietnamkrieges und sozialer und gesellschaftlicher Umbrüche, die Zeit, da am meisten musikalisch experimentiert wurde?)

Sich über die Macht der Musik aufs Unterbewusstsein auszutauschen, fände ich total spannend. Sei es was Werbejingel, Militärmusik, Trancemusik, ect. betrifft.

Etain hat geschrieben:
Mo 18. Jun 2018, 14:32
Ich persönlich bin kein Fan. Vielleicht öffnet es dem ein oder anderen die Augen. Hier im Forum ist es meiner Erfahrung nach nicht so nötig. Ich schätze die Gesellschaft hier auch wegen ihres nonkonformen Geschmacks.
Kein Fan von was? Was öffnet wem die Augen für was? Wovon sprichst du? :nixweiss: Es kommt hier so vor, als würdest du da Stellung beziehen zu Dingen, von denen du meinst, ich hätte die impliziert, kann das sein? Wenn ja, was war das genau?

Ich habe den Eindruck, du und andere meinen, ich würde ihren Musikgeschmack angreifen oder ändern wollen (so er denn denn gerade gängigen Mainstream entspricht.) Das war nicht meine Absicht.

Schade, ich glaube aus dem Thread hier wird nichts interessantes mehr, da ich irgendwie die Leute in die Defensive gedrängt zu haben scheine... :(

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FreieAtem
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Re: Musik und Zeitgeist

#10

Beitrag von FreieAtem » Mo 18. Jun 2018, 17:10

... ich hab das Video nur überflogen.

Aber ich denke nicht, dass Musik durch die Moderne an Qualität verliehrt - auch wenn mir selbst nicht alles gefällt :) .

Musik ist meines Erachtens eine Ausdrucksform des Menschen, die genau so zu ihm gehört wie die Kunst in Wort, Bild und Bewegung.

Dass es immer wieder einen revolutionären Stielbruch mit vergangen Musikkulturen gibt, ist denke ich, in einer sich verändernden Gesellschaft meschlich.... passiert ja in allen anderen stilistischen Ausdrucksformen des Menschen auch.

"Alltagsmelodien" gab es, denke ich, schon immer. Ich denke es ist kein Phänomen unserer Zeit, dass es eine Art Mainstreamstil gibt, den jeder kennt (und kann). Und ich glaube, dass dieser ebenfalls "schon immer" einfach und sich ähnlich war. Sodass man die Musik im Alltag mitbrummen, mitsingen konnte. (Die Melodien von alten Volksliedern sind sich in doch auch sehr ähnlich, bzw. am Stil erkennbar.)
Ich denke daneben gab es auch "schon immer" Musik, die so anspruchsvoll und kunstvoll war/ist, dass man sie nicht nebenher hören konnte. Für die man sich Zeit nehmen musste, um einzutauchen und auch mal ungewohnte Töne auf sich wirken zu lassen.
... einen Mozart z.B. hat man, denke ich, zu seiner Zeit auch nicht neben der Hausarbeit mitgepfiffen. Genausowenig wie ich das heute z.B. mit einer Björk kann.

Ich habe einige Jahre lang in einer WG gewohnt, in der zwei meiner Mitbewohner E-Musik gemacht haben. Seit dem hat sich mein Bild davon ziemmlich gewandelt.
Es war mit Nichten so, dass es da nur darum ging auf Knöpfe zu drücken und es sich möglichst einfach zu machen ... oder dass das gute Instrumentalmusiker überflüssig machte.
Das waren teilweise extrem aufwendige und kreative Prozesse, mit unglaublich viel Feinarbeit. Da wurde zig Aufnahmen vom "richtigen Türenknarzen" gemacht und Gelegenheiten abgepasst um z.B. das Tellerklappern in der Küche einzufangen ... da wurden Aufnahmegeräte mit zum Einkaufen genommen ... Da wurden Musiker eingeladen und Wochenenden geblockt ... Instumente, Parkassion und Stimmen zigmal eingespielt .... und die einzelnen Teile danach Nächte lang verschoben, übereinander gelegt, verfärbt und platziert bis 10 min Musik entstanden, die die Künstler zufrieden stellte :D .
Dieser Aufwand war hörbar... genauso wie es hörbar war wenn sich die Künstler nicht in den Track vertieft hatten.
Ich kann das seit dem schon als Kunst, je nach Künstler auch als anspruchsvolle Kunst sehen.

Dass allerdings eine live Geige schöner ist, als eine Geigenmelodie vom Keyboard ist klar. Aber ich denke das ist auch ein falscher Vergleich, bzw. falsch das eine mit dem anderen ersetzen zu wollen.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Musik, so als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen.

LG FreieAtem
... und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben ...

- Hermann Hesse aus Stufen -

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