Graham Harvey, An Animist Manifesto

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Bioregionalist
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Graham Harvey, An Animist Manifesto

#1

Beitrag von Bioregionalist » Fr 9. Mär 2018, 18:20

Weil ich Graham Harvey und sein Animist Manifesto erwähnt habe, möchte ich mal meine Übersetzung posten:

Ein animistisches Manifest (Graham Harvey)

Alles, was existiert, lebt
Alles, was lebt, verdient Respekt

Man muss nicht mögen, was man respektiert
Jemanden nicht zu mögen ist kein Grund, ihn/sie/es nicht zu respektieren
Jemanden zu respektieren, ist kein Grund, ihn/sie/es nicht zu essen

Gründe werden am besten gemeinsam herausgearbeitet – vor allem, wenn
man nach Gründen sucht, jemanden zu essen – oder wenn man nach
Gründen sucht, nicht gegessen zu werden

Wenn du zustimmst, dass alles, was existiert, lebt und Respekt verdient, ist es
am besten, von 'Personen' oder 'Leuten' zu reden und nicht von 'Wesen' oder
'Geistern', ganz zu schweigen von 'Biomaschinen', '(lebendigen) Ressourcen',
'Besitztümern' und 'Dingen'.

Die Welt ist voller Personen (Leuten, wenn dir das lieber ist), aber wenige
davon sind menschlich

Die Welt ist voller anders-als-Mensch-Personen
Die Welt ist voller anders-als-Eichen-Persie Welt ist voller anders-als-Fels-Personenonen
Die Welt ist voller anders-als-Igel-Personen
Die Welt ist voller anders-als-Lachs-Personen
Die Welt ist voller anders-als-Eisvogel-Personen
Die Welt ist voller anders-als-Fels-Personen

'Anders-als' verweist auf mindestens drei Punkte:

es erinnert uns daran, dass Person ein wechselseitiges Verhältnis mit
anderen bedeutet
es erinnert uns daran, dass viele unserer Nächsten Verwandten menschlich
sind, während die nächsten Verwandten von Eichen Eichen sind und wir
deshalb am leichtesten mit Menschen reden, während Felsen am leichtesten
mit Felsen reden...
es erinnert uns daran, zuerst einmal über das zu reden, was wir am besten
kennen (diejenigen, die uns am nächsten stehen)

Mach‘ vier Punkte daraus:
es erinnert uns daran, Unterschiede als eine Gelegenheit zu feiern, unsere
wechselseitigen Beziehungen zu erweitern, anstatt sie als einen Grund für
Konflikt oder Eroberung zu sehen

Alles Leben besteht aus Beziehungen, und wir sollten unser jeweiliges
eigentümliches Anderssein nicht zu Identitäten herunterbrechen

Andere und Andersheit halten uns offen für Veränderung, offen zu werden und
nie im Sein festgelegt zu sein

Anderssein widersteht der Entropie und ermutigt Kreativität durch Vernunft,
Geselligkeit (oder, wie William Blake sagte, 'Gegnerschaft ist wahre
Freundschaft')

Animismus ist weder monistisch noch pluralistisch, er fängt gerade erst an,
wenn man über das Zählen eins, zwei hinausgeht... Am besten ist er dort,
wo er vollständig, herrlich, schamlos und ungezügelt pluralistisch ist

Respekt bedeutet, umsichtig und konstruktiv zu sein
Er nähert sich anderen umsichtig – und auch unseren eigenen Wünschen
Er gestaltet Beziehungen, gestaltet Möglichkeiten, zu reden, sich zu verbinden,
zuzuhören, Zeit in der Gesellschaft anderer von Angesicht zu Angesicht zu
verbringen
(It is taking care of, caring for, caring about, being careful about: Wir haben
hier ein vierfaches 'Wortspiel' mit 'Sorge, sich kümmern, vorsichtig sein', das
ich so nicht übersetzen kann)
Er kann sich darin zeigen, jemanden in Ruhe zu lassen oder Geschenke zu
geben


Wer zum Beispiel an 'Menschenrechte' glaubt, beweist diesen Glauben nicht
nur damit, eine Gesetzgebung zu unterstützen , die den Einzelnen vor
Staaten, Unternehmen und Mehrheiten unterstützt. Er besteht genau so
wenig darauf, die ganze Straße oder den ganzen Bürgersteig für sich zu
haben oder darauf, dass ein anderer Mensch ihm auf einer belebten Straße
aus dem Weg geht

Man muss nicht jeden Baum umarmen, um ihm Respekt zu erweisen, aber
vielleicht muss man ihn da wachsen lassen, wo er will – vielleicht muss man die
Telefonleitung oder das Gewächshaus an eine andere Stelle verlegen

Vielleicht muss man die Straße abseits dieses Felsens oder Baums bauen

Bäume zu umarmen, die man nicht kennt, könnte unhöflich sein – versuche
zuerst, dich vorzustellen

Nur weil die Welt und der Kosmos voller Leben sind, macht sie das nicht zu
einem Ort, an dem es sich nett und einfach lebt. Viele Personen sind ziemlich
unfreundlich zu anderen. Viele halten uns für eine gute Mahlzeit. Vielleicht
respektieren sie uns, während sie uns essen. Oder sie brauchen vielleicht
Erziehung. Wie auch wir lernen sie vielleicht am besten in einer Beziehung zu
anderen, die auch jenen Respekt erweisen, die sie nicht mögen, besonders
jenen, die ihnen schmecken

Obwohl die Evolution kein Ziel hat, ist das Leben nicht zwecklos. Der Zweck des
Lebens ist es, gute Leute zu sein (siehe Anfang: Leute sind nicht unbedingt
Menschen – Eigene Anmerkung) – und gute Menschen oder gute Felsen oder
gute Dachse. Was wir herausfinden müssen ist, was 'gut' bedeutet, abhängig
davon, wo wir jeweils sind, zu welcher Zeit wir irgendwo sind, mit wem wir
zusammen irgendwo sind und so weiter. Auf jeden Fall ist das alles eng mit dem
Wort 'Respekt' verbunden und den Handlungen, die sich aus diesem Respekt
ergeben.

Weil alles, was existiert, lebt – und weil alles, was lebt in gewissem Sinn, in
gewissem Mass bewusst, zur Kommunikation fähig und in Beziehung mit
anderen stehend ist – und weil viele der Personen, mit denen wir Menschen
diesen Planeten teilen, eine viel bessere Vorstellung davon haben als wir, was
vor sich geht, können wir jetzt mit dem ganzen Blödsinn von Krone der
Schöpfung, höchstes Ergebnis der Evolution, Selbstbewusstsein der Welt oder
des Kosmos aufhören... Wir sind bloß ein Teil der ganzen Gemeinschaft des
Lebendigen, und wir haben noch eine Menge zu lernen. Unser Job ist es nicht,
den Planeten zu retten, für die Tiere zu sprechen oder uns auf höhere Zustände
hinzuentwickeln. Viele anders-als-menschliche Leute sind ganz zufrieden mit
dem Bewusstsein, das sie von sich selbst haben, und wenn wir achtgeben
würden, könnten wir selbst noch etwas lernen. Übrigens: Vermutlich machen
nicht nur wir den Fehler, uns für die wichtigsten Leute auf der Welt zu halten.
Igel denken das vermutlich auch von sich (aber die sind stachlige,
flohverseuchte Tiere – warum ihnen also glauben?!

Äh, ich sagte zwar, das 'alles, was existiert, lebt', aber bei Platiktüten bin ich
mir nicht sicher.
Aber ich bin mir sicher, dass wir Gegenstände nicht als bloße Resourcen
betrachten sollten, die irgendwie verfügbar oder uns oder der Menschheit
sogar gegeben wurden, um damit zu tun, was wir wollen.

Das gleiche gilt für Worte wie 'Substanzen', vor allem diejenigen, die in
Pflanzen- oder Pilzleuten enthalten sind. Es gibt Substanzen, aber sie gehören
nicht uns, solange sie uns nicht gegeben, geschenkt wurden. Und wir sollten
besser herausfinden, warum wir bekommen, was uns geschenkt wird. Und wir
sollten uns besser fragen, wie man diese Geschenke am besten nutzt (egal, ob
zum Vergnügen, für Macht, für Weisheit oder was auch sonst). Das gilt vor
allem dann, wenn die Pflanzen- oder Pilz-Person, die uns das Geschenk macht,
dabei das Leben verliert.

Vielleicht wollen die Pilze uns nur manchmal helfen, uns der großen
Unterhaltung, die um uns vor sich geht, anzuschließen. Aber nicht alle Felsen,
Fische, Pflanzen, Pilze, Vgel, Tiere oder Menschen möchten mit uns reden:

Manchmal wollen sie still sein
Manchmal wollen sie grob sein
Manchmal haben sie ein anderes Anliegen
Manchmal verstehen sie uns nicht
Manchmal sprechen wir ihre Sprache nicht
Manchmal erkennen wir das angemessene Geschenk nicht

Die genaue und angemessene Art und Weise, Respekt zu zeigen, hängt davon
ab, wo du bist, wer du bist, wen du respektierst und was derjenige erwartet.
Geschenke sind zweischneidig wie Schwerter, mehrdeutig wie Worte. Alkohol
ist an einem Ort ein Geschenk, an einem anderen ein Gift. Ein Händedruck
kann freundlich sein oder sonstwo Stärke zeigen. Für manche Leute ist ein Kuss
respektvoll, für andere eine Tätlichkeit. Respektvolle Umgangsformen sind
harte Arbeit, aber ihr Lohn ist die vollere Teilhabe an einer großen und
aufregenden Gemeinschaft des Lebendigen.

Manchmal brauchen wir Schamanen, um für uns zu reden
Manchmal brauchen wir Schamanen, um zu uns zu reden

Zu wissen, wie man die Frage beantwortet: 'Was ist deine Lieblingsfarbe?' ist
eine Brücke über die Cartesianische Kluft, und der Animismus wartet direkt auf
der anderen Seite. Er ist vielleicht die Brücke. Vielleicht gibt es überhaupt keine
Kluft, und Animisten sind Leute, die sich weigern, bei dieser Illusion
mitzuspielen

Animismus entdeckt man oft, indem man unter Bäumen, auf Hügeln, in
Flüssen, zusammen mit Igeln an Feuern sitzt... Animismus wird besser durch
die Erzählungen des Tricksters vermittelt, durch gefühlvolle Lieder, kraftvolle
Gedichte, mitreißende Rituale und/oder natürliche Höflichkeit, anstatt durch
Manifeste.
Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.

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