Lebensbejahung und Tod

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Etain
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Lebensbejahung und Tod

#1

Beitrag von Etain » Mo 21. Okt 2019, 08:37

Wicca, aber auch andere pagane Glaubensrichtungen, sind lebensbejahend. Angeregt, durch eine Bemerkung in einem anderen Thread, finde ich, sind Überlegungen dazu auszutauschen ganz interessant. Deshalb die Fragen: Bedeutet Lebensbejahung, dass wir uns deshalb keine Gedanken um den Tod machen?
Haben wir deshalb kein Konzept für den Tod?
Ist Lebensbejahung grundsätzlich uneingeschränkt in Wicca zu sehen?

Für mich ist die Auseinandersetzung mit dem Tod sehr wichtig und ich halte sie für essentiell, wenn ich lebensbejahend leben möchte! M.M.n. ist Lebensbejahung nicht gleich uneingeschränkt vorhanden. Das würde für mich einem Dogma gleichkommen und ausserdem bin ich nicht immer gleich drauf. In meinem Glauben lebe ich auch nich- lebensbejahende Momente aus.

Wie seht ihr das?

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Bodecea
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Re: Lebensbejahung und Tod

#2

Beitrag von Bodecea » Mo 21. Okt 2019, 09:02

Hallo Etain,

ich bin auch eher auf das Leben als auf den Tod ausgerichtet in dem Sinne, dass ich nicht eine himmlische Belohnung nach dem Tod erwarte oder meine Wünsche und Fantasien auf ein Jenseits projiziere. Ich finde mich da bei Epikur wieder: "So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da"

Aber der Tod ist für mich dennoch wichtig, weil er mich immer wieder an meine Endlichkeit (zumindest auf dieser Realtitätsebene) erinnert und mich motiviert, wirklich zu LEBEN. Das bezieht traurige und schmerzhafte Phasen ebenso ein wie lustvolle und fröhliche.

Liebe Grüße
Bodecea
Tu was du willst, aber trage dann auch die Konsequenzen.

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Re: Lebensbejahung und Tod

#3

Beitrag von izento » Mo 21. Okt 2019, 11:43

Hallo Etain,

ich bin ja nun kein Wicca und werde mich hüten Aussagen über meine Sicht von Wicca zu machen.
Ich glaube allerdings, du hast die Aussagen in dem anderen Faden etwas fehlinterpretiert.
Faszination für Tod und Vergänglichkeit bedeutet nicht, daß man nicht auch lebensbejahend sein kann.

Ich sehe da eine etwas andere Unterscheidung:
Abrahamiten (Christen, Moslems, etc.), Buddhisten, aber auch Asatru und andere Heiden sehen den Sinn ihres Lebens eher im Jenseits.
Die sog. "lebensbejahenden" Glaubensrichtungen wie Satanisten, Wicca und andere Heiden sehen den Sinn ihres Lebens eher im Diesseits.
Dies hat aber nun nichts damit zu tun, ob man den Tod als Teil des Lebens betrachtet oder nicht.

Es gibt sehr viele Menschen, die das Thema Tod und Vergänglichkeit aus ihrem Leben verdrängen und sich nur auf Geburt und Wachstum fokussieren.
Das geht über alle Glaubensrichtungen.
Es gibt aber auch eine gewisse Gruppe von Menschen für die Tod und Vergänglichkeit ein genauso wichtiger Teil sind, oder vielleicht sogar noch eine größere Bedeutung haben.
Diese Menschen sind fasziniert vom "Tod", von "Lost Places", verwelkten Pflanzen, Mooren, dichten Wäldern, der Dunkelheit, usw.
Sie betrachten den Verfall als die eigentliche Basis des Lebens, denn ohne Verfall gäbe es auch kein Leben.

Da es sich aber um eine Frage an die Wicca-Gemeinschaft handelt, halte ich mich jetzt lieber raus.

dunkle Grüsse
izento
...und es wird der Tag kommen dass die Welt versinkt im Chaos. Und wir werden auferstehen und tanzen auf den Ruinen.
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Re: Lebensbejahung und Tod

#4

Beitrag von Hagezorn » Mo 21. Okt 2019, 12:06

Dito.
Menschen brauchen einen Glauben,sonst hätte Ihre Existenz keinen Sinn....

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Re: Lebensbejahung und Tod

#5

Beitrag von Satyr » Mo 21. Okt 2019, 13:53

Hallo Liebe Etain,
ja warum nicht unsere Ansichten zu dem Thema austauschen :)

dazu wäre es ja erst einmal hilfreich zu schauen, was genau mit lebensbejahend gemeint ist.
Wenn ich im Duden nachschaue lese ich:
optimistisch denkend, immer die guten Seiten des Lebens hervorhebend
und
Synonyme zu lebensbejahend :

hoffnungsvoll, lebensfreudig, lebensfroh, optimistisch, positiv, unverzagt, voller Lebensfreude, voller Zuversicht, zukunftsgläubig, zukunftsorientiert, zuversichtlich; (schweizerisch) aufgestellt; (gehoben) frohen/guten Mutes, hoffnungsfreudig, hoffnungsfroh
hm, also ich muss bei dem Wort immer an den Film Trainspotting denken in dem der Spruch vorkam: "Sag Ja zum Leben". :rapzap:

das trifft es für mich irgendwie eher als die Dudendefinition. Sag Ja zum Leben, was auch immer gerade lebendig ist oder von Bedeutung oder im Prozess.
Das Leben annehmen, im Hier und Jetzt präsent sein, im Moment. Den Augenblick bewusst erleben und annehmen. Ist schon irgendwie ein tantrischer Ansatz und hat mit dieser persönlichen Auslegung sicher etwas mit mir zu tun.
Aus meiner Sicht hat das gleichzeitig nicht nur mit Geburt, Wachstum und Fülle zu tun, sondern auch mit Verfall, Vergänglichkeit und Tod. Im schöpferischen.- wie auch im Zerfallsprozess "erlebt", erfährt sich der Geist.
Bzgl Wicca ist es so, dass all dies, auch der Tod als Übergang Teil eines Kreislaufs ist. Die persönliche Auseinandersetzung damit geschieht mindestens in den Jahreskreisfesten.
Der Fokus liegt bei mir tatsächlich in der weltlichen Selbstverwirklichung und um die diesseitige (von der Seele erwünschte) Erfahrung und nicht auf ein hinarbeiten zu einer Belohnung, welche nach dem aktuellen Leben einem zuteil wird.
Wobei es durchaus Ziele oder Absichten gibt, die über ein Leben hinaus gehen können.
Gleichzeitig kann die Auseinandersetzung mit der Totenwelt oder mit der nichtalltäglichen Wirklichkeit und der Umgang mit Verstorbenen / +Spirits zu den weltlichen/ nichtweltlichen Aufgaben oder Absichten von Menschen zählen, die sich als "Grenzgänger" betrachten. Z.b. im Seelengeleit oder wenn die Verbindung zu geliebten Ahnen gefeiert wird, oder bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit.

Was die Faszination angeht, so denke ich, ist das immer sehr vom jeweiligen Menschen abhängig. Unter mir bekannten Wicca meine ich zu beobachten, dass die Faszination auf das Diesseits wie auch auf die Anderswelt ausgerichtet ist. Vielleicht weil beides und all das dazwischen zum Konzept gehört?
LG
Satyr

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Peregrin
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Re: Lebensbejahung und Tod

#6

Beitrag von Peregrin » Mo 21. Okt 2019, 15:25

izento hat geschrieben:
Mo 21. Okt 2019, 11:43
Abrahamiten (Christen, Moslems, etc.), Buddhisten, aber auch Asatru und andere Heiden sehen den Sinn ihres Lebens eher im Jenseits.
Buddhisten? :shocked:
Zumindest im Zen ist das Jetzt und Hier wichtig und wirksam und nicht das irgendwann nach dem Leben. Und auch die populäre Vorstellung, das Buddhisten glauben würden, das Leben hier ist Leiden und man muss alles tun, damit man "drüben" nach dem Tod in ein wundervolles Nirwana kommt, ist etwas kurzgegriffen, allein schon wegen des Rades der Wiedergeburt. ;)

Asatru würde ich persönlich auch als lebensbejahende Religion sehen. Nur weil es (wünschenswerte) Todesorte gibt, heißt das ja nicht, das das Leben als Jammertal gesehen wird und man das "Hier" nur erleidet, um "drüben" eine bessere Existenz zu haben. (Was ich bei Asatruar ohnehin etwas witzig finde, da die ja zu 99,9 % den Strohtod sterben werden und folglich im nicht so angenehmen Reich der Hel landen sollten. :green: )
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izento
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Re: Lebensbejahung und Tod

#7

Beitrag von izento » Mo 21. Okt 2019, 16:14

@Peregrin: Du hast meine Aussagen leider etwas fehlinterpretiert.
Wie Satyr schon erwähnte kann man den Begriff "lebensbejahend" auf unterschiedlie Arten definieren.

Fact ist, daß der Buddhist (auch der Zen) die Erlösung aus dem Rad des Leidens im Nirvana sieht. Und das Leben im Prinzip als "Leidensweg" definiert.
Ähnlich sieht es im Asatru aus. Das Lebensziel jedes Asentreuen ist es in Walhalla an der Tafel der Götter zu enden.

Ziel jedes Satanisten ist, das Leben zu geniessen und sich darin zu verwirklichen. Der Tod bedeuted für ihn/sie das Ende des Lebens.
Über die Wicca sag ich jetzt mal nichts - das sollen sie selbst tun.

In der anderen Definition von "lebensbejahend" (Duden) ist kein unterschied zwischen den Religionen ersichtlich, sondern nur der einzelner Individuen.
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Re: Lebensbejahung und Tod

#8

Beitrag von Ashar Starchild » Mo 21. Okt 2019, 17:05

Hi,

persönlich sehe ich das so, dass wir ein Leben in verschiedenen "Dimensionen" leben und Geburt und Tod die jeweiligen Übergänge dabei sind. Auch gibt es imo keine unsichtbare, grossen Freunde - die schon :D, die imo aber nicht: - die über mein Leben bestimmen. In Ashar´s kleinen Kosmologie wähle ich vor der Landung in dieser Dimension, welche Lernaufgaben ich mir für das folgende Dasein stelle und packe sie in meinen Rucksack (siehe Der Narr im Tarot) weswegen der soteristische Ansatz für mich keinen Sinn macht.
Ich weise hier wiederholt darauf hin, dass es sich da um meine persönliche Ansichten handelt, weil ich ja Wicca bin, aber andere Wicca das durchaus anders sehen und das schriftliche Material dazu eidgebunden ist.

So gesehen ist Wicca für mich lebensbejahend, da der Tod für mich nicht im Widerspruch dazu steht, sondern lediglich einen Übergang darstellt und das Leben nicht nur "hier" stattfindet.

LG Ashar
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Peregrin
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Re: Lebensbejahung und Tod

#9

Beitrag von Peregrin » Mo 21. Okt 2019, 17:10

izento hat geschrieben:
Mo 21. Okt 2019, 16:14
Fact ist, daß der Buddhist (auch der Zen) die Erlösung aus dem Rad des Leidens im Nirvana sieht. Und das Leben im Prinzip als "Leidensweg" definiert.
Aber fürs Erlangen von Nirvana ist das Sterben keine Voraussetzung wie für den Christ, der notwendigerweise Sterben muss um in den Himmel zu gelangen. Nirwana kann auch im Leben erreicht werden.
"Leidensweg" klingt für mich auch ziemlich christlich. Es gibt laut buddhistischer Philosophie im Leben ja nicht nur Leid (Duhkha) es gibt auch Freude (Sukha). Nur wird es immer wieder Duhkha geben, weil im Leben (und im Tod!) nichts beständig ist und es die Unbeständigkeit ist, die zu Duhkha führt. Andauernde Freude gibts nur im Zustand des Nirwana.
izento hat geschrieben:
Mo 21. Okt 2019, 16:14
Ähnlich sieht es im Asatru aus. Das Lebensziel jedes Asentreuen ist es in Walhalla an der Tafel der Götter zu enden.
Aber nur diejenigenAsatruar, die die hochmittelalterliche Eddaliteratur allein als Grundlage ihres Asenglaubens nehmen und die meinen, Valhöll sei der einzige wünschenswerte Jenseitsort und zudem der Ansicht sind, Ragnarökr habe noch nicht stattgefunden. Manche Asatruar meinen, das läge schon in der Vergangenheit - wenn dem so ist, braucht es kein Valhöll mehr, da Odin keine Einherjar mehr für die letzte Schlacht benötigt. Und sie müssen sich keinen Kopf machen, wie sie es hinbekommen im Kampf zu sterben... :green:
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Re: Lebensbejahung und Tod

#10

Beitrag von Kätzchen2904 » Mo 21. Okt 2019, 20:14

Wenn man mal genau nachdenkt definiert sich vor allem der Wert des Lebens durch seine Endlichkeit. Und von daher finde ich, dass sich Tod und eine lebensbejahende Einstellung nicht widersprechen. Wäre unser Leben endlos, wäre es egal ob wir auf unsere Gesundheit achten oder unsere Mitmenschen. Das Strafsystem würde nicht mehr greifen, die Gesellschaft würde sich in eine sehr merkwürdige Richtung verändern.

Im Buddhismus gibt es ja die Geschichte mit dem Sprung in der Tasse. Ein Mönch sag: ,,Schaut, hier ist ein Riss in meinem Becher." Die anderen Mönche schauen darauf und entdecken aber keinen Riss. Darauf sagt der Mönch wieder: ,,noch ist er nicht zu sehen, aber eines Tages wird mir der Becher runterfallen und der Riss ist zu sehen. Das hat den Sinn, dass ich auf diesen Becher aufpasse. Wäre er aus Plastik, könnte ich mit ihm Fußball spielen und er würde mir nicht kaputt gehen. So weiß ich aber zu wertschätzen was ich habe und bin vorsichtig."

Und genau das finde ich so spannend an dem Thema ohne Leben kein Tod, ohne Tod kein Leben. Jeder Moment ist deshalb kostbar, weil wir ihn nicht wieder erleben werden und wir nicht wissen wie viele Momente wir noch haben. Ich bin keine Wicca. Ich fliege frei. Leider habe ich keine Ahnung was danach kommt und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig für mich. Aber wenn ich mir vorstelle, dass meine Lieben einmal versterben dann wünsche ich mir, dass es für sie das Sommerland gibt. Ein Ort an dem sie in ihrer Form leben können, ohne Schmerzen. Wo sie ihre alten Freunde wiedersehen können und wenn es so weit ist, können sie auch wieder in die materielle Welt wiedergeboren werden. Aber diese Form ist eigentlich nur Trost für mich wenn jemand von mir geht, in eine andere Welt. Der Tod ist das Problem der Lebenden und zwar durch die Trauer.

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