Projekt Herbarium

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Peregrin
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Projekt Herbarium

#1

Beitrag von Peregrin » Mi 17. Jan 2018, 13:57

Hallo!

Da ja hier im Forum das Interesse an (Heil-)Pflanzen ziemlich groß zu sein scheint und immer mal wieder Leute nach Wegen suchen, wie sie mehr über Pflanzen erfahren können, dachte ich, mache ich mal ein Thread zu Herbarien auf.

Was ist ein Herbarium?

Ein Herbarium ist eine Sammlung getrockneter und gepresster Pflanzen bzw. Pflanzenteile.

Das war in früheren Zeiten so eine Art Liebhaber-Beschäftigung von Bürgerlichen und pensionierten Dorfschullehrern und ist irgendwann aus der Mode gekommen. Aber auch heute noch müssen manche Botanik-Studenten ein eigenes Herbarium für ein bestimmtes Biotop anlegen, da das trotz aller billigen Möglichkeiten wie digitaler Fotografie immer noch ein sehr gutes Mittel ist, etwas über die Pflanzen zu lernen.

Warum ein Herbarium?

Man lernt die Pflanzen damit besser kennen.Wenn man nur ein selbstgemachtes Foto hat oder sogar lediglich ein Bild auf einer Internetseite oder in einem Buch ansieht, ist das etwas ganz, ganz anderes, als wenn man sich mit allen Sinnen mit der Pflanze beschäftigt, denn das Anlegen des Herbariums stellt folgende Anforderungen:
  • man muss ein möglichst heiles und vollständiges Exemplar einer Pflanze finden, dann schärft schon mal den Blick
  • man muss sie vorsichtig abschneiden oder aus der Erde ziehen, sie einpacken, später zum Trocknen so arrangieren, dass man alle Teile sehen kann. Es kann echt eine langwierige Fummelei sein, so eine 3D Pflanze auf 2D zu bringen, gerade bei den fragileren Exemplaren. Man ist also ausführlich mit den Händen und Augen längere Zeit mit der Pflanze beschäftigt. Und man riecht sie beim Pressen.
  • später beim Einkleben und beschriften ist man erneut mit allen Sinnen dabei
  • Und da das ja nicht einfach nur ein getrocknetes Blümchen fürs Poesiealbum wird, schreibt man sich natürlich auch Fundort und Datum auf (am besten erst mal auf die Zeitungsseite notieren, auf die die zu pressende Pflanze liegt
  • Man recherchiert nach Name (eventuell Verwendungszweck und was einen noch interessiert) und hat so also auch den theoretischen Teil abgedeckt

Das ist der ultimative Einstieg für "grüne Stadthexen", denn es ist wie mit Ü-Eiern: Spannung, Spaß und Überraschung! :green:

Man braucht keinen Garten, keinen Balkon, man kann da loslegen, wo man gerade ist. Auch mitten in der Großstadt. Hell yeah, besonders in der Stadt, denn so kann man wunderbar die Pflanzenwelt des eigenen Wohnorts kennenlernen.
Man läuft mit ganz anderem Blick durch die Gegend. Auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, an der Ampel, abseits aller Gärten und "Natur" sieht man auf einmal in jedem Seitenstreifen, jeder Verkehrsinsel, jeder Mauerritze Pflanzen, für die man vorher keinen Blick hatte.
All das Unkraut bekommt auf einmal Namen, ein Gesicht und eine Bedeutung! :) Und man sieht öfters hin, z.B. ob sie nun endlich mal blüht, damit man ein Exemplar mit Blüte fürs Album bekommt. Irgendwann weiß man, wo die "alten Bekannten" wohnen, von denen man schon ein Exemplar hat, das schärft auch das Bewusstsein dafür, welche Wuchsbedingung die Pflanze braucht. ("Aha, die wächst hier hinter der Bushaltestelle und da beim Glascontainer und dort bei der Unterführung - das sind alles schattige aber trockene Plätzchen.")

Wer Interesse daran hat, kann sein Herbarium auch toll gestalten. Es muss nicht immer ein Buch der Schatten sein. Oder für die "Grüne Hexe" nicht nur. :socool:
Wer künstlerisch talentiert ist, kann neben jedem gepressten Pflanzenexemplar eine Seite im Album anlegen, auf der er/sie eben diese Pflanze noch einmal abzeichnet. Oder features von Abbildungen aus Büchern ergänzt, wenn z.B. die Wurzeln nicht mit aufgenommen werden können, da man die nicht ernten konnte oder die zu dick sind zum Pressen.

Ich kann jedenfalls garantieren: Die ins Herbarium in natura aufgenommene und abgezeichnete Pflanze vergisst man ganz, ganz sicher nicht mehr und erkennt sie beim nächsten Spaziergang wieder. Ganz anders als wenn man einmal ein Bild oder Foto einer Pflanze anguckt. Die vergisst man schnell wieder.
Zuletzt geändert von Peregrin am Mi 17. Jan 2018, 16:50, insgesamt 1-mal geändert.

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Peregrin
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Re: Projekt Herbarium

#2

Beitrag von Peregrin » Mi 17. Jan 2018, 14:07

Was braucht man für das Anlegen eines Herbariums?

Man braucht eine simple Pflanzenpresse.

Gibt es zu kaufen, angefangen von putzigen Kindermodellen bis hin zu überteuerten Edelmodellen aus Tropenholz. Das simpelste ist immer noch das Selbermachen, da das so easy ist, das kann auch jeder mit zwei linken Händen.

Bild

Man braucht:
  • dünne Holzplatten. (Sperrholz bekommt man schon "fertig zugeschnitten" in ca. DinA4 Größe in 5er- Päckchen für Laubsägearbeiten in der Bastelabteilung der Baumärkte.)
  • ein Gewindestab und passende Muttern. Normale unten, Flügelmuttern oben. (Nicht auf dem Foto, die habe ich für ein anderes Werkprojekt geklaut) Kein Muss, man kann auch normale Muttern nehmen, die Flügelmuttern (siehe PDF) aber die sind leichter zu handhaben
  • Metallsäge und Bohrer
  • Wellpappe (von alten Kartons)
  • alte Zeitungen o.ä. Papier zum aufnehmen des Pflanzensaftes
How to:

Gewindestab in vier Teile der gewünschten Länge sägen, Löcher in die Sperrholzplatten bohren, zusammenschrauben. Pappe auf die Größe der Platten zurechtschneiden und dazwischen legen. Fertig, das war's im Grunde schon.
Wer es genauer erklärt haben will: https://www.winklerschulbedarf.com/Docu ... 100532.pdf

Wie benutzt man die Pflanzenpresse?
  • Pflanze möglichst heile nach Hause transportieren. Sie sollte nicht geknickt werden, keine Teile verlieren und nicht zu schnell welken. (Tipp: Man kann gut auf dem Nachhauseweg von der Arbeit z.B. in der leeren Lunchbox Pflanzen transportieren. Bei Spaziergängen sollte man immer etwas passendes dabei haben. Für kleine Pflanzen reicht z.B. eine Papprolle von Küchenkrepp. Oder man nimmt immer eine kleine Tüte mit. Wegen der Feuchtigkeit am besten immer auch 1-2 Blatt Küchenkrepp zum aufsaugen von Tau, Regen o.ä.)
  • Pflanze zu Hause möglichst bald "verarbeiten". (Sie soll zwar trocknen, aber nicht einfach so, sondern in kontrollierter Form.)
  • Pflanze von Erde, verwelkten Teilen und anderen Fremdkörpern befreien. Gucken, ob sie keine Läuse oder andere Krankheiten hat.
  • Pflanze so arrangieren, dass man alle Teile erkennen kann, sie auf DinA4 (oder welche Größe man auch immer haben will für sein Album) passt. Mindestens ein Blatt so drehen, dass die Rückseite oben liegt, so das man auch das betrachten kann. Dann weiß man später z.B. das die Pflanze haarige, graue Blattunterseiten hat.
Hier eine zwar lange wissenschaftliche Anleitung, aus der man nicht alles übernehmen muss, die aber gute Tipps liefert und erklärt, worauf man sonst noch achten muss. http://www.biologie.uni-ulm.de/lehre/be ... umSS07.pdf
Zuletzt geändert von Peregrin am Mi 17. Jan 2018, 16:57, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Projekt Herbarium

#3

Beitrag von Peregrin » Mi 17. Jan 2018, 14:19

  • Die mitgebrachte Pflanze wird also auf ein Stück Zeitungspapier gelegt, so arrangiert, das man alles erkennt, eine Lage Zeitung drauf und alles in die Presse legen. Deckel drauf und festschrauben.
  • Je nachdem wie saftig oder dick die Pflanze ist, muss man bei manchen Exemplaren nach 1-2 Tagen die Zeitung wechseln, damit nichts schimmelt. In den wissenschaftlichen Anleitungen liest man ab und zu, dass man das mit allen Exemplaren machen soll, ich habe aber festgestellt, das das selten nötig ist. Wenn man nicht gerade eine Sukkulente hat, geht das auch ohne "umpacken"
Natürlich kann man mehr als ein Exemplar zur selben Zeit pressen. Einfach ein Stück Wellpappe zwischen die Exemplare legen und eine neue Lage Zeitung-Pflanze-Zeitung dazwischen.
  • Je nach Raumtemperatur dauert das Trocken ein paar Wochen.
Wenn alles trocken ist, nimmt man die Pflanze aus der Presse um sie noch mal auf ein Stück sauberes Papier zu arrangieren und da zu fixieren. (bei wissenschaftlichen Hebarien macht man das nicht mit Tesa, da man dann nicht mehr die Möglichkeit hat, die Pflanze später unbeschädigt herauszunehmen. Beim privaten Herbarium kann man das aber sicher machen. Es erspart einiges an Fummelei.
Nicht vergessen, Fundort und Datum, die wir auf der Zeitung notiert haben müssen übertragen werden! Nicht die Zeitung zu früh wegwerfen... :mad3:

Man kann alle Daten direkt auf das Blatt neben die Pflanze schreiben, oder wenn man es etwas einheitlicher und übersichtlicher haben will, legt man sich vorher eine Tabelle im Word-Dokument an, in der man schon mal alle auszufüllenden Spalten stehen hat:

zum Beispiel:

- Deutscher Name: Habichtskraut
- Botanischer Name: Hieracium pilosella
- Familie: Korbblüter
- Fundort: Stadtname, Straßenname (oder: Flussufer in Höhe XY Brücke, rechtes Ufer, sonnige Wiese)
- Datum: 1. Mai, 2018
- Verwendung: Entzündung, Durchfall, Leber- und Menstruationsbeschwerden, ect. (Siehe Heilpflanzenbuch XY, Seite 123.)

Das kann man dann quasi wie Etiketten ausdrucken und auf das Blatt kleben.

Man braucht einen Ordner.

Oder etwas vergleichbares, in das man die fertigen Blätter mit den fixierten und beschrifteten Pflanzenexemplaren einordnet.

Für was man sich entscheidet, das kommt darauf an, wie umfangreich das Herbarium später sein soll. Man kann mehrere kleine anlegen, damit man nicht einen unübersichtlichen sperrigen Karton im Bücherregal stehen hat. Zum Beispiel eines für jede Jahreszeit. Oder für jeden Wohnort, wenn man jemand ist, der viel unterwegs ist. Oder einen für jeden Urlaub. Oder für jedes Biotop, wenn man sich schon etwas besser auskennt.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Man kann natürlich auch alles übergangsweise erst einmal in einen Karton packen und später, wenn man mehr Ahnung hat, alles sortieren. z.B. nach Pflanzenfamilie arrangieren. Oder bei Heilpflanzen nach Wirkung auf entsprechende Organe.

In Frage kommen also von Klemmordnern über Künstlermappen bis hin zu Kartons alles an Aufbewahrungsmöglichkeiten.
Worauf man achten muss ist, das alles vor Licht und Feuchtigkeit geschützt ist, lose Seiten nicht durcheinander geraten und die Bögen nicht so herumrutschen können, dass die Pflanzen beschädigt werden. Und drin blättern können wäre natürlich auch von Vorteil. Es ist schließlich ein Nachschlagewerk und man sollte schon etwas wiederfinden können, wenn man etwas sucht.

Das war's auch schon. Herbarien erfordern minimalen Aufwand für maximalen Spaß und Lernerfolg. :liebegrüße:

mögliche Mappe:
Bild

möglicher Inhalt:
Bild
Zuletzt geändert von Peregrin am Mi 17. Jan 2018, 17:03, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Projekt Herbarium

#4

Beitrag von Sarf » Mi 17. Jan 2018, 16:25

Sehr schöne Idee. Ich habe schon mehrere Herbarien erstellt, was damit zusammenhängt, dass ich oft umgezogen bin und ich jedes Mal ein Herbarium der lokalen Pflanzen bastelte. Mein größtes war allerdings ein Projekt, dass ich für die naturwissenschaftliche Abteilung meines Gymnasiums gemacht hab. :green:
"Mit der Maid spiel im Dunkeln: manch Auge hat der Tag.
Das Schiff ist zum Segeln, der Schild zum Decken gut,
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- Edda, Hávamál 81

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Re: Projekt Herbarium

#5

Beitrag von Lunatic_Luna » Do 18. Jan 2018, 18:07

Danke Peregrin für diesen schönen Thread! :mad3:

Die Erklärungen kommen mir grade zu gute, da ich demnächst zwei Hebarien anfertigen werden (eins für eine Zusatznote und das andere als Ergänzung für mich selbst)


LG Luna
Die Grenzen zwischen Leben und Tod sind bestenfalls schattenhaft und vage. Wer kann sagen wo eines endet und das andere beginnt? -- Edgar Allan Poe

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Re: Projekt Herbarium

#6

Beitrag von Regenbogen » Sa 20. Jan 2018, 11:36

Das ist wirklich ein schöner Thread.

Mir lief grade die Idee von "schwebenden Bilderrahmen" um Pflanzen zu "präsentieren",
über den Weg.

So kann mensch mit einem Herbarium die Räume gestalten.

https://puppenzirkus.com/diy-floating-frame-herbarium/

LG Regenbogen

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Re: Projekt Herbarium

#7

Beitrag von Peregrin » Sa 20. Jan 2018, 12:32

Hallo Regenbogen,

das nennt sie zwar "Herbarium" - aber bei einem echten, das den Namen verdient, sehe immer den Lerneffekt im Vordergrund.

Alles andere ist Blümchenpressen fürs Poesiealbum ;) , bzw. Dekorieren mit Pflanzen.

(Aber die "schwebende Bilderrahmen" sind schön, ich mag die Kombination Pflanze und Glas, besonders auch "Glasgärten", wo man Mini-Gärten in Gefäßen anlegt, von Terrarien über Einmachgläser bis hin zu alten Glühlampen. So etwas: https://deavita.com/dekoration/terrariu ... arten.html)

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Re: Projekt Herbarium

#8

Beitrag von Waldzauberin » Sa 17. Feb 2018, 09:25

Ein Herbarium ist was ganz tolles. Werde im Frühjahr wieder damit anfangen.
Tiere sind meine Freunde
und meine Freunde esse ich nicht.

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Re: Projekt Herbarium

#9

Beitrag von Peregrin » Sa 17. Feb 2018, 20:07

Hier bin ich über ein Bastelprojekt gestolpert, dass sogar die Presse an sich zu einem kleinen Kunstwerk macht, die man dann bei Nichtgebrauch nicht verschämt in eine dunkle Ecke stellen muss. ;)

How to: http://www.instructables.com/id/Make-A- ... nt-Presses

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Re: Projekt Herbarium

#10

Beitrag von woodfaery » Do 22. Feb 2018, 20:27

Das macht ja echt Lust, so etwas auch mal auszuprobieren! Ich wollte dieses Jahr mal anfangen, auch das ein- oder andere Heilkraut im Garten anzubauen, dann würde sich ein Herbarium ja geradezu aufdrängen. :D Danke für die tolle Idee! :thumbup:
"Remember – hate is always foolish…and love, is always wise." (The 12th Doctor)

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