Die Mosaische Unterscheidung

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atemkristall
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Die Mosaische Unterscheidung

#1

Beitrag von atemkristall » Di 16. Jan 2018, 06:30

Gerade habe ich Jan Assmanns Buch "Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus" durch. Es ist schon 2003 erscheinen und er führt den Faden weiter, den er mit seinem aufsehenerregenden Buch "Moses der Ägypter" von 1998 gelegt hat. Das Buch ist durchaus Sprengstoff.

Seine These ist, dass die Grenzlinie nicht zwischen Monotheimus und Polytheismus oder Heidentum läuft, das es in der Bezeichnung ja nur aus der Sicht des Montheismus gibt. Die Grenzlinie ist vielmehr die Einführung der Kategorien von wahr und falsch, richtigen und nichtigen Göttern in die Religion. Das es falsche Götter geben könnte war vor der Einführung der Mosaischen Unterscheidung schlichtweg nicht denkbar. Die Sorge war vielmehr, einen Gott oder Göttin unberücksichtig zu lassen, der man Ehrerbietung, Dank oder was auch immer geschuldet hätte. Man unterschied zwischen rein und unrein, heilig und profan aber nicht zwischen wahr und falsch.

Mit der Mosaische Unterscheidung verschiebt sich die Frage mit epochalen Kosequenzen. Nun gibt es falsche Götter, deren Verehrung frevelhaft und falsch, sündig ist. Jetzt gibt es einen Gott, der der einzige, weil einzig wahre Gott ist. Und dieser Gott ist außerhalb der Welt. Er ist transzendent und nicht mehr der Welt immanent. In der Welt sucht man ihn umsonst. Alle die also Gott in der Welt suchen, also Kosmotheisten, Pantheisten und solche, die Gottheiten mit der Natur oder mit Geschlechtlichkeit verbinden, gehen hinter die Mosaische Unterscheidung zurück (die Hinduismen haben sie als einzige "Weltreligion" wohl nie vollzogen), die das Göttliche von der Welt abgeschnitten hat.

Das Urbild für die Mosaische Unterscheidung ist der Tanz um das Goldene Kalb und was darauf folgte. Dem Rückfall in ägyptische (Apis-Stier) und vielleicht noch mehr kanaaitische (El-Stier, Stier von Bethel...) Bilder folgt eine grausame Bestrafung der Frevler mit Folter und Tod. Seitdem ist der Unterscheidung Gewalt eingeschrieben, die sich immer wieder vor allem in ihrer christlichen und islamischen Ausprägung verwirklicht hat und verwirklicht. Die Ungläubigen oder Abgefallen müssen büßen und sterben. Mit der Mosaischen Unterscheidung kommt die Gewalt in die Religion, so die These Assmanns.

Meiner Meinung nach überschätzt Assmann allerdings die Friedfertigkeit paganer Gesellschaften. Seine pagane Kultur hat das Römische Reich trotz seiner bis in die Spätantike relativ toleranten Religionspolitik (mit gewichtigen Ausnahmen wie Christenverfolgung unter Nero oder Decius) nicht daran gehindert, sich die bekannte Welt extrem gewaltsam untertan zu machen (mit erheblichen zivilisatorischen Fortschritten allerdings etwa für den nordalpinen Raum...). Extremer Hindunationalismus ist in Indien ein großes Hindernis für den gesellschaftlichen Frieden. Umgekehrt hat gerade die jüdische Gemeinschaft bis vor kurzem nie gewaltsam ihre Unterscheidung zwischen wahrem Gott und falschen Göttern durchgesetzt, wobei es durchaus militanten Judaismus gab (Aufstände gegen Rom) und israelischer Extremismus im Nahen Osten schreckliche Nicht-Blüten treibt. Vielleicht ist Nationalismus eine verwandelte Form der Mosaischen Unterscheidung. Assmanns Buch ist wichtig, weil er eine unbedingt notwendige Disskussion anstößt: Wie leben wir in einer multireligiösen Welt, ohne uns mit Rekurs auf unsere Religion gegenseitig die Köpfe einzuschlagen?

Offensichtlich hängt die Gewaltsamkeit nicht an den Religionen, egal ob monotheistisch, kosmotheistisch oder sonst was? Mit der Mosaischen Unterscheidung kann man aber seine eigene Gewalt, die man sonst vielleicht auch anders begründet hätte, herrlich verbrämen und zur heiligen Sache machen. Gewalt ist religionslos. Meine traurige Erkenntnis: Wenn uns die Mosiaische Unterscheidung nicht zur Verfügung stünde und steht, würde (und wird) Gewalt und Krieg eben anders begründet. Verschwinden wird sie durch das Projekt der Repaganisierung nicht.

Beste Grüße vom
atemkristall

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Satyr
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#2

Beitrag von Satyr » Di 16. Jan 2018, 10:29

Hi,

Danke für Deine Gedanken und den Content. Sehr interessant.
Mit der Gewalt das sehe ich auch so wie Du. Und ich denke, sie ist einfach eine Strategie um im nichtkonsens etwas durchzusetzen. Rechtfertigungen sind nur manipulative Ablenkung. Ob nun durch Religion oder was auch immer.

Mit dem wahr oder falsch , das ist ein interessanter Ansatz , da werd ich noch drüber nachdenken.
BB
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Knufflon
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#3

Beitrag von Knufflon » Di 16. Jan 2018, 12:26

Gewaltbereitschaft ist mMn ein Teil des Menschseins, v.a. des Mannseins. Durch die Geschichte hinweg waren die Frauen immer die friedliebenderen. Das dürfte seine Gründe einerseits im Biologischen, andererseits auch in der verschiedenen Sozialisierung finden, die die Geschlechter erhalten haben und hatten.

Religion bietet einen wunderbaren Rahmen und Mechanismus, Gewaltfähigkeit von Menschen/Männern auf ein gewünschtes Ziel hin zu lenken. Also wie andere Mechanismen auch - Nationalismus, Rassismus etc. Nix neues.
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Rafael_Chiron
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#4

Beitrag von Rafael_Chiron » Di 16. Jan 2018, 18:28

atemkristall hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 06:30
Die Grenzlinie ist vielmehr die Einführung der Kategorien von wahr und falsch, richtigen und nichtigen Göttern in die Religion. Das es falsche Götter geben könnte war vor der Einführung der Mosaischen Unterscheidung schlichtweg nicht denkbar. Die Sorge war vielmehr, einen Gott oder Göttin unberücksichtig zu lassen, der man Ehrerbietung, Dank oder was auch immer geschuldet hätte.
Meiner Meinung nach ist dieser Wandel lediglich eine Pendelbewegung vom qualitativen Denken & Fühlen in ein abstraktes bzw. scheinbar objektives "richtig oder falsch" (=Sündenfall!). In der gleichen Weise zieht sich der Gott der monotonistischen Religionen ins Abstrakte zurück, weshalb diese jetzt den Messias erwarten, auf den Sohn Gottes oder die Worte des Propheten angewiesen sind, um diese Gottesferne wieder zu überwinden.
atemkristall hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 06:30
Das Urbild für die Mosaische Unterscheidung ist der Tanz um das Goldene Kalb und was darauf folgte. Dem Rückfall in ägyptische (Apis-Stier) und vielleicht noch mehr kanaaitische (El-Stier, Stier von Bethel...)
Die Geschichte von Moses und den Gesetzestafeln lese ich allerdings etwas anders. Tatsächlich kann man sie so verstehen, dass Moses sich gewissermaßen in den "Höhen des Geistes" verstiegen hat, wähend das "niedere Volk" (die Emotionen!) dem Tanzen & Feiern frönt. Bezogen auf innerpsychische Prozesse handelt es sich also genaugenommen um eine missglückte Integration von transpersonaler Erfahrung in die personale Wirklichkeit. Denn als Moses vom Berg zurückkommt und er das um das goldene Kalb tanzende Volk erblickt, zerschlägt er voller Zorn die ursprünglichen Tafeln, die er von oben mitgebracht hat. Erst später steigt Moses nochmals auf den Berg und holt jetzt gewissermaßen als Surrogat die uns bekannten 10 Gebote herab. Mit anderen Worten: Die sogenannte abstrakte Beurteilung von "richtig und falsch" ist nur ein Ersatz für die eigentliche "Botschaft", die mit den ursprünglich zerschlagenen Tafeln (=Lichtfunken!) - wenn auch etwas verunglückt - bereits in die Welt gekommen ist.

Genau hier setzten die neoplatonischen & kabbalistischen Lehren an, das Eine mit dem Vielen zu vereinigen bzw. die Lichtfunken zu heben, wie es die lurianische Kabbalah formuliert. Es ist daher ein großer Unterschied einen "alleinigen Gott" lediglich abstrakt zu formulieren, wie es die Theologen tun, im Gegensatz dazu das Göttliche in seiner Einheit in einem initiatischen Erlebnis auch tatsächlich real zu erfahren, was Gegenstand des westlichen Mysterientradition war und immer noch ist.

:liebegrüße: Rafael Chiron

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Peregrin
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#5

Beitrag von Peregrin » Di 16. Jan 2018, 19:37

Deine Auslegung hat mythologisch oder psychologisch sicherlich jede Berechtigung, Rafael Chiron. Aber Atemkristall sprach doch wohl eher von der historischen Realität, die die Religionen und ihr Denken in der Geschichte hinterlassen haben und im Weltgeschehen noch immer hinterlassen.

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Rafael_Chiron
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#6

Beitrag von Rafael_Chiron » Di 16. Jan 2018, 20:10

Peregrin hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 19:37
Deine Auslegung hat mythologisch oder psychologisch sicherlich jede Berechtigung, Rafael Chiron. Aber Atemkristall sprach doch wohl eher von der historischen Realität, die die Religionen und ihr Denken in der Geschichte hinterlassen haben und im Weltgeschehen noch immer hinterlassen.
@Peregrin: Was ist für Dich historische Realität? Geschichte ist immer Rezipierung aus einem bestimmten Kontext heraus. Ich habe aus der Sicht der westlichen Mysterientradition rezipiert. Möglicherweise ist mein Standpunkt sogar von viel existenziellerer Natur als die scheinbar objektive, abstrakte Geschichtsschreibung. Warum also sollte meine Auslegung weniger historische Realität beeinhalten? Beispiele für solche Auslegungen, wie ich sie mache, findest Du z.B. schon bei Philon von Alexandrien.

:liebegrüße: Rafael Chiron

P.S. Aber möglicherweise ist die sogenannte objektive historische Geschichtsschreibung der Ausdruck einer entseelten Welt, aus der sich das Göttliche zurückgezogen hat!

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Peregrin
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#7

Beitrag von Peregrin » Di 16. Jan 2018, 20:22

Ich meinte das so, dass ich Gewalt im Namen von Religionen nicht unbedingt als Ausdruck der besagten Religion, ihrer Lehren, Auffassungen und Geisteshaltungen sehe.

Mir fällt jetzt kein Religionskrieg ein, in dem es nicht in Wahrheit um andere Dinge ging, allem voran materieller Gewinn, was sich historisch häufig auch als Landbesitz ausdrückte. Ob das nun die alten Israeliten waren, die da meinten, das Stück der Wüste sei ihres, die Kreuzfahrer, die den Nachgeborenen Land verschaffen wollten, die Iren im Nordirlandkonflikt die Ulster wiederhaben wollten, oder ISIS die ihr eigenes Kalifat wollen.

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Rafael_Chiron
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#8

Beitrag von Rafael_Chiron » Di 16. Jan 2018, 20:47

Peregrin hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 20:22
Ich meinte das so, dass ich Gewalt im Namen von Religionen nicht unbedingt als Ausdruck der besagten Religion, ihrer Lehren, Auffassungen und Geisteshaltungen sehe.

Mir fällt jetzt kein Religionskrieg ein, in dem es nicht in Wahrheit um andere Dinge ging, allem voran materieller Gewinn, was sich historisch häufig auch als Landbesitz ausdrückte. Ob das nun die alten Israeliten waren, die da meinten, das Stück der Wüste sei ihres, die Kreuzfahrer, die den Nachgeborenen Land verschaffen wollten, die Iren im Nordirlandkonflikt die Ulster wiederhaben wollten, oder ISIS die ihr eigenes Kalifat wollen.
@Peregrin: Ah, jetzt verstehe ich, was Du meinst, Peregrin! :D

Es ist für mich kein Wunder, dass Religionen für solche Dinge missbraucht werden, sind sie doch selbst Ausdruck einer dogmatisierten Lehre, bei der es längst nicht mehr um echte spirituelle Praxis geht, sondern nur noch um die Etablierung einer bestimmten Weltanschauung. Von dort aus sind "Religionskriege" gewissermaßen schon vorprogramiert...

:liebegrüße: Rafael Chiron

P.S. Deshalb mag ich übrigens auch diese Abkürzung für den IS nicht. Denn ISIS :heart: ist für mich immer noch der Ausdruck für den Aspekt der großen Göttin, der für Mitgefühl, Hingabe & Heilung durch Integration steht.

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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#9

Beitrag von Peregrin » Di 16. Jan 2018, 21:14

Rafael_Chiron hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 20:47
Es ist für mich kein Wunder, dass Religionen für solche Dinge missbraucht werden, sind sie doch selbst Ausdruck einer dogmatisierten Lehre, bei der es längst nicht mehr um echte spirituelle Praxis geht, sondern nur noch um die Etablierung einer bestimmten Weltanschauung.
:girlie-nick:

Um die Etablierung einer bestimmten Weltanschauung wegen der mit ihr einhergehenden weltlichen Macht. Da ist aber nun wirklich keine Lehre vor gefeit und das scheint kein "mosaisches" Problem zu sein.

Ich lese gerade über einen mittelalterlichen Zen-Meister, selbst der klagt in seinen Schriften darüber. Und das, obwohl Zen keine Dogmen kennt, ja eigentlich nicht mal eine religiöse Lehre ist. Dennoch hatten die mit dem selben Problem zu tun, als Zen eine Rolle in der Politik Japans zu spielen begann und "Theologen", also Theoretiker, ein höheres Prestige und höheren Einfluss hatten als die Praktiker.

@ ISIS. Recht hast du. Ich sollte mir abgewöhnen, den Begriff zu gebrauchen.

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Lakeisha
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Re: Die Mosaische Unterscheidung

#10

Beitrag von Lakeisha » Mi 17. Jan 2018, 09:10

Hallo Ihr Lieben,

OT
Rafael_Chiron hat geschrieben:
Di 16. Jan 2018, 20:47
P.S. Deshalb mag ich übrigens auch diese Abkürzung für den IS nicht. Denn ISIS :heart: ist für mich immer noch der Ausdruck für den Aspekt der großen Göttin, der für Mitgefühl, Hingabe & Heilung durch Integration steht.
Endlich mal jemand, der ausspricht, was ich denke - DANKE!! :liebegrüße:
OT-Ende

GlG, bb, Lakeisha
Carpe diem & noctem.
Morgengymnastik:
Mit dem richtigen Fuß aufstehen, Fenster seiner Seele öffnen; vor allem was lebt verbeugen; Gesicht der Sonne zuwenden; paar Mal über den eigenen Schatten springen; sich gesund lachen.
Und: :kaffee: ;)

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