Was ist Naturverbundenheit?

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Peregrin
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#11

Beitrag von Peregrin » Do 11. Jan 2018, 21:40

abendhirsch hat geschrieben:
Do 11. Jan 2018, 21:12
da die Formulierungen in Klammern mMn ein riesiges Fass aufmachen und Potential für emotionalen Schlagabtausch bieten, möchte ich darauf nicht eingehen.
Ich hatte eigentlich auch nicht dazu anregen wollen, das Fass aufzumachen, sondern wollte nur zeigen, dass man mit solchen Aussagen wie sie sich im Fass befinden, die ganze Angelegenheit früher oder später ad absurdum führen kann. Man kann in der Theorie mit "pro-Natur" Argumenten ein Verhalten rechtfertigen, das Natur zerstört. Da nicht nur "Naturverbundenheit", sondern schon bereit der Wortteil "Natur" in der Theorie alles beinhalten kann.
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LiH
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#12

Beitrag von LiH » Fr 12. Jan 2018, 13:38

Meiner Meinung nach treffen diese 2 Aussagen die Schwierigkeit, dem Begriff "Naturverbundenheit" einen festen Rahmen zu geben, sehr gut:
abendhirsch hat geschrieben:
Do 11. Jan 2018, 21:12
Dem kann ich nur zustimmen. Ich denke mal, dass wir uns gerade naturverbunden fühlen (können), weil wir eben nicht mehr natürlich, nicht einmal mehr wirklich naturnah sind ... Die empfundene Naturverbundenheit könnte somit auch als "Sehnsucht nach der Natur" angesehen werden.
Peregrin hat geschrieben:
Do 11. Jan 2018, 21:40
Man kann in der Theorie mit "pro-Natur" Argumenten ein Verhalten rechtfertigen, das Natur zerstört. Da nicht nur "Naturverbundenheit", sondern schon bereit der Wortteil "Natur" in der Theorie alles beinhalten kann.
Für mich ist neben Natur die Verbundenheit genauso wichtig. Sich dessen bewusst sein, dass man Teil des Großen Ganzen ist. Ob man will oder nicht, ob man ein Atomkraftwerk betreibt oder ein Tierheim. Fühlen und sich dessen bewusst sein, dass man immer mit allem verbunden war, ist, und sein wird, das für mich der Teil mit der Verbundenheit.

Natur - das ist mMn vor allem ein System, in dem alles, was da ist, einen Sinn und eine Funktion für das Große Ganze hat. Damit verbunden zu sein, läuft für mich darauf hinaus, einen eigenen Platz, eine individuelle Funktion in dem Ganzen finden, die sich sinnvoll, stimmig und gesund anfühlt. Ein Baum hat eine andere Funktion als eine Maus und was für einen Apfelbaum richtig ist, kann für eine Fichte komplett falsch sein. Es geht einfach um die eigene Nische. Ich bin überzeugt davon, dass es so viele "richtige" Wege, wie es Menschen gibt.

Deswegen finde ich für die Frage nach der Naturverbundenheit gar nicht relevant, wie natürlich oder naturnah mein Lebensstil ist. Sondern - was ich mit dem Ist-Zustand veranstalte. Da schließt sich wieder der Kreis zur Verbundenheit. Ich muss mit mir selber verbunden sein, um meine Nische zu (er-)kennen und nur wenn ich dort bin, bin ich gesund. Und nur wenn ich selber gesund bin, bin ich auch gesund für das Große Ganze. (MEINE Meinung :) )

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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#13

Beitrag von Peregrin » Fr 12. Jan 2018, 13:48

Hallo LiH
LiH hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 13:38
Deswegen finde ich für die Frage nach der Naturverbundenheit gar nicht relevant, wie natürlich oder naturnah mein Lebensstil ist. Sondern - was ich mit dem Ist-Zustand veranstalte.
Geht es denn nun um ein Gefühl (das der Verbundenheit), oder geht es dir um das Verhalten (was du veranstaltest), das aus diesem Gefühl erwächst?

Ich kann für mich selbst nicht in Anspruch nehmen, mich mit der Natur verbunden zu fühlen, aber gleichzeitig einen Lebensstil zu pflegen, der ihr schadet, ohne das ich darin eine Inkonsequenz sehe.
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#14

Beitrag von LiH » Fr 12. Jan 2018, 14:19

Peregrin hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 13:48
Geht es denn nun um ein Gefühl (das der Verbundenheit), oder geht es dir um das Verhalten (was du veranstaltest), das aus diesem Gefühl erwächst?
Beides, auf jeden Fall!
Peregrin hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 13:48
Ich kann für mich selbst nicht in Anspruch nehmen, mich mit der Natur verbunden zu fühlen, aber gleichzeitig einen Lebensstil zu pflegen, der ihr schadet, ohne das ich darin eine Inkonsequenz sehe.
Naja, im Endeffekt schaden wir doch alle, die in der "zivilisierten" Gesellschaft leben, oder? Selbst mit 100% bio, vegan, 2nd-Hand, die Sachen werden ja doch mit Fahrzeugen durch die Gegend gefahren, die nicht zu 100% unter fairen Bedingungen etc. hergestellt wurden. Da ist nur die Wahl zwischen Inkonsequenz und als Einsiedler im Wald zu leben, soweit ich sehe. Und als Einsiedler im Wald muss kann ich z.B. nicht wirklich ein Tierheim betreiben oder ... einen Freund, der in Not ist, mitm Auto irgendwo abholen. In meinen Augen unter Umständen auch inkonsequent, die Möglichkeit nicht wahrzunehmen, all das Gute zu tun, was man tun könnte...

Deswegen habe ich für mich, so doof es klingt, aufgehört, in dem Schaden, den ich anrichte, eine Inkonsequenz zu sehen. Ich bin an dem Punkt wo ich bin. Und gebe mein Bestes, mehr habe ich nicht. Mehr zu geben wäre zwar rein rational konsequenter, würde aber auf Selbstausbeutung hinaus laufen, was wiederum dazu führen würde, dass ich mich weniger um meine mit-Lebewesen kümmern kann. Wobei das für mich ein Prozeß ist, bei dem ich weniger Schaden und mehr Nutzen durch meinen Lebensstil anstrebe. Was halt im Rahmen meiner Möglichkeiten ist.

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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#15

Beitrag von izento » Fr 12. Jan 2018, 14:34

LiH hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 14:19
Naja, im Endeffekt schaden wir doch alle, die in der "zivilisierten" Gesellschaft leben, oder? Selbst mit 100% bio, vegan, 2nd-Hand, die Sachen werden ja doch mit Fahrzeugen durch die Gegend gefahren, die nicht zu 100% unter fairen Bedingungen etc. hergestellt wurden.
Ich wollte zwar nicht ... aber ich komme nicht umhin ...

Seit Anfang der Diskussion schwebt mir das Bild des "naturverbundenen" Veganers vor Augen, der mit dem Smartphone neuester Generation sein veganes Mahl bei einem Lieferservice bestellt, der seinerseit das Essen aus einem Restaurant holt, die ihrerseits einfach ein Convenienceprodukt aus der Plastikschale in der Mikrowelle aufwärmen und per dickem SUV an die Kunden ausliefert.

Und wer nun meint ... "gibt es doch garnicht" :shocked: ... der ist leider nicht sehr realitätsverbunden.
https://www.lieferheld.de/info/vegan-online-bestellen/
...und es wird der Tag kommen dass die Welt versinkt im Chaos. Und wir werden auferstehen und tanzen auf den Ruinen.
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#16

Beitrag von LiH » Fr 12. Jan 2018, 14:55

izento hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 14:34
Seit Anfang der Diskussion schwebt mir das Bild des "naturverbundenen" Veganers vor Augen, der mit dem Smartphone neuester Generation sein veganes Mahl bei einem Lieferservice bestellt, der seinerseit das Essen aus einem Restaurant holt, die ihrerseits einfach ein Convenienceprodukt aus der Plastikschale in der Mikrowelle aufwärmen und per dickem SUV an die Kunden ausliefert.
Na und? ;) Klar mag es im ersten Moment lächerlich klingen, aber ich würde da gar nicht urteilen. Vielleicht hat dieser Mensch vorher genauso "bei einem Lieferservice bestellt, der seinerseit das Essen aus einem Restaurant holt, die ihrerseits einfach ein Convenienceprodukt aus der Plastikschale in der Mikrowelle aufwärmen und per dickem SUV an die Kunden ausliefert." - nur in der Massentierhaltungs-Version. Dann war das vegane Essen vielleicht ein großer Schritt und der Beginn einer Veränderung. Vielleicht hat dieser Mensch nie gelernt zu kochen und weiß nicht, wo es regionales Bio-Gemüse gibt und weil er Familie und einen anstrengenden Job hat, hatte er noch keine Zeit, sich zu informieren und fühlt aufgrund seiner neu entdeckten Naturverbundenheit das Bedürfnis, wenigstens einen klitzekleinen Anfang zu machen? :)

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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#17

Beitrag von Bodecea » Fr 12. Jan 2018, 15:58

Hallo,

ich wollte erst über die historische Konstruktion eines Widerspruches Kultur - Natur schreiben, und wie es geistesgeschichtlich nicht immer unproblematisch ist, die Natur über die Kultur zu stellen (sogar rechtes Gedöns kommt schließlich aus einer Richtung, in der "das Natürliche" über die "böse Ziviliation" gestellt wird)... und darüber, dass für mich Natur nichtsdestotrotz eben auch die Nähe zu Tieren und Pflanzen bedeutet, die nicht völlig dem Menschen unterworfen sind (auch wenn unsere schönen Wälder hier natürlich Wirtschaftswälder sind, selbst die, die als Mischwälder so natürlich daherkommen, würde ich in einer Großstadt ohne diese Wälder um mich wohl bekloppt werden)...

Dann hab ich das von LiH gesehen, und es hat mir sehr gut gefallen:
LiH hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 13:38
Natur - das ist mMn vor allem ein System, in dem alles, was da ist, einen Sinn und eine Funktion für das Große Ganze hat. Damit verbunden zu sein, läuft für mich darauf hinaus, einen eigenen Platz, eine individuelle Funktion in dem Ganzen finden, die sich sinnvoll, stimmig und gesund anfühlt. Ein Baum hat eine andere Funktion als eine Maus und was für einen Apfelbaum richtig ist, kann für eine Fichte komplett falsch sein. Es geht einfach um die eigene Nische. Ich bin überzeugt davon, dass es so viele "richtige" Wege, wie es Menschen gibt.
Deswegen finde ich für die Frage nach der Naturverbundenheit gar nicht relevant, wie natürlich oder naturnah mein Lebensstil ist. Sondern - was ich mit dem Ist-Zustand veranstalte. Da schließt sich wieder der Kreis zur Verbundenheit. Ich muss mit mir selber verbunden sein, um meine Nische zu (er-)kennen und nur wenn ich dort bin, bin ich gesund. Und nur wenn ich selber gesund bin, bin ich auch gesund für das Große Ganze. (MEINE Meinung :) )
Denn so ähnlich sehe ich das auch :-). Mein Lebensstil ist nicht ökologisch neutral, er ist auch verbesserbar, aber was ist meine Schlussfolgerung? Möglichst viel Askese, nur noch selbst gezogene Rüben essen und ansonsten still vor mich hin weinen, weil ich so schlecht bin?

Für mich heißt "richtig leben" mehr als "richtig konsumieren". Es heißt für mich, meine Beziehungen zu pflegen, von der großen Liebe über die enge Freundschaft bis zum zufälligen, freundlichen Kontakt mit einer netten Nachbarskatze. Meine Arbeit gut tun, auch zum Wohle anderer Menschen. Lernen, forschen, entdecken. Und vielleicht auch mal für eine gute Sache kämpfen.

Liebe grüße
Bodecea
Tu was du willst, aber trage dann auch die Konsequenzen.

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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#18

Beitrag von Peregrin » Fr 12. Jan 2018, 17:23

LiH hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 14:19
Naja, im Endeffekt schaden wir doch alle, die in der "zivilisierten" Gesellschaft leben, oder?
Ja, weshalb ich die "Naturverbundenheit" in Hexen- und Heidenkreisen eher lediglich als "Naturinteresse" bezeichnen würde.

Im Durchschnitt sind wir sicher genau solche großen Umweltwutze wie Otto Normalreligiöse. (Die Zeit, da der Alternative auf dem Hippietrail mittellos nach Indien reiste um besitzlos im Ashram zu leben, oder nach Spanien um da in einer Kommune als Selbstversorger auf einem Biohof zu arbeiten gehören längst der Vergangenheit an.)

Das Naturinteresse hier würde ich aber tatsächlich für höher halten als das des Durchschnitts. Sei es, weil der Aufenthalt im Wald als angenehmer angesehen wird als der in der Disko, oder sei es, weil es hier mehr Leute gibt, die sich für Pflanzen interessieren.
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#19

Beitrag von Hekate » Fr 12. Jan 2018, 21:18

:girlie-gfk:

Interessant, was mein Thread mal wieder mal ausgelöst hat.

:girlie-gfk:

Wobei ich, persönlich, nicht glaube, das die alten Hexen + die alten Heiden, niemals so "heilig" waren, wie das heute anscheinen angenommen wird.

:girlie-gfk:

Ganz, persönlich, glaube ich, das man eine Naturverbundenheit schon mit + auf einen Fensterbrett, erleben, ausleben, leben kann.

Gruss

Hekate
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Niemand braucht mir da zu zustimmen.
Ich, sehe es so und meine es so.
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Re: Was ist Naturverbundenheit?

#20

Beitrag von izento » Mo 15. Jan 2018, 12:42

LiH hat geschrieben:
Fr 12. Jan 2018, 14:55
Dann war das vegane Essen vielleicht ein großer Schritt und der Beginn einer Veränderung. Vielleicht hat dieser Mensch nie gelernt zu kochen ...
@LiH: Mein Beitrag war auch nicht gegen dich und die Theorie der "kleinen Schritte" gerichtet.

Ich habe nur kritisch hinterfragt, ob der "grosse Schritt" Veganismus überhaupt etwas mit Naturverbundenheit zu tun hat wenn alle anderen Dinge ausser Acht gelassen werden.

Wäre es nicht viel naturverbundener, wenn der Durchnschnitts-Stadtbewohner endlich mal sein Smartphone aus der Hand legen würde, die Glotze ausschalten, sich eine Jacke überwerfen und die 800 Meter bis zum nächsten Burgerladen zu Fuß gehen würde.
Dabei würde er sich viel mehr mit der Natur verbinden ... und wenn es nur der Regen ist der ihm ins Gesicht klatscht.
Und wenn er dann im Burgerladen einen Veggieburger isst (gerne auch mit einer Scheibe Käse) und auf Plastikbesteck verzichtet - um so besser.
...und es wird der Tag kommen dass die Welt versinkt im Chaos. Und wir werden auferstehen und tanzen auf den Ruinen.
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